Entwicklung der Wikipedia

Die Wikipedia ist ein im Jahr 2001 begründetes internationales und nichtkommerzielles Internet-Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, eine Enzyklopädie mit freien Inhalten zu schaffen. Im Gegensatz zu konventionellen Nachschlagewerken wird die Wikipedia kooperativ durch eine enorme Anzahl freiwilliger Mitarbeiter erstellt: An der Wikipedia kann jeder mitarbeiten, sofern er die jeweilige Sprache hinreichend beherrscht und der Ansicht ist, einen Beitrag zum jeweiligen Artikel leisten zu können. Eine Vorauswahl der Autoren – beispielsweise nach formaler Qualifikation oder wissenschaftlicher Reputation – findet nicht statt; auch technische Hürden – außer der des Internet-Zugangs selbst – gibt es für die Wikipedianer kaum, da die Wikipedia und ihre Schwesterprojekte ein außerordentlich leicht zu bedienendes ‚Redaktionssystem’ – ein so genanntes Wiki – einsetzen.

Grundsätzlich kann jeder der über 200.000 deutschsprachigen Wikipedia-Artikel jederzeit bearbeitet werden; selbst das Anlegen eines Benutzeraccounts ist nicht erforderlich, die Wikipedia lässt bewusst auch anonyme Autoren zu. Die Inhalte werden also nicht nur kooperativ zusammengetragen, sondern auch kollektiv verfasst. Der kollektive Charakter des Gesamtwerks wird zusätzlich dadurch verstärkt, dass Wikipedia-Artikel nicht namentlich gekennzeichnet sind, sondern eben auch als Ergebnis eines kollektiven Prozesses präsentiert werden. Ebenso wie die Inhalte kollektiv verfasst und bearbeitet werden, werden sie kollektiv vor Vandalismus und Manipulationen geschützt: Tausende aktiver Wikipedianer prüfen neu bearbeitete Artikel kontinuierlich auf destruktive Änderungen [451].

In den verschiedenen Arbeitsprozessen im Mikrokosmos der Wikipedia werden Elemente unterschiedlicher politischer ‚Gesellschaftsmodelle’ pragmatisch angewandt; so haben die Prozesse der Erstellung und Bearbeitung anarchistische Strukturen, während in der Konfliktlösung konsensdemokratische Elemente Anwendung finden; in anderen Bereichen hat die Wikipedia meritokratische und auch oligarchische Strukturen.

In dem Grassroots-Projekt emanzipierten sich faktisch zahlreiche Konsumenten zu aktiven Wissens-Produzenten; das kollektive Arbeitsmodell wird dabei nicht nur akzeptiert, sondern auch aktiv verteidigt: Die Wikipedianer empfinden die kollektiv erstellten Inhalte als schützenswertes Gemeingut, das vor Versuchen der Remonopolisierung geschützt werden muß. Die Wikipedia bietet somit ein perfektes Beispiel für eine moderne »Wissens-Allmende« und das Modell des »Wissenschaftskommunismus«.

Die Wikipedia besteht aus einem Hypertext, also einem elektronischen System aus Textpartikeln (Nodes) und Querverweisen (Links); die Grundidee hinter dem Hypertext-Konzept besteht darin, die Linearität konventioneller Texte zu durchbrechen und ein Informationssystem in Anlehnung an die assoziative Funktionsweise des menschliche Gehirns zu entwickeln. Auch das World Wide Web selbst ist ein Hypertext, allerdings ein verstümmelter: Beispielsweise wissen die Verweisziele nicht, welche Dokumente auf sie verweisen. In ausgefeilteren Hypertext-Konzepten ist dies anders, so auch in einem Wiki; hier kennen Verweisziele die Dokumente, die auf sie verweisen (Backlinks bzw. Rückverweise). Durch diese dem Menschen intuitiv vertraute Architektur entsteht ein einzigartiges Wissens-Netzwerk, das weitaus mehr über seine formale Struktur weiß als jeder noch so gut erschlossene gedruckte Text.

‚Wikipedias’ gibt es mittlerweile in rund hundert Sprachvarianten, eine Handvoll davon hat Dimensionen, die bereits quantitative Vergleiche mit entsprechenden kommerziellen Nachschlagewerken zulassen: Die englischsprachige Wikipedia verfügt derzeit über mehr als 500.000 Artikel, die deutschsprachige seit Mitte Februar 2005 über mehr als 200.000; weitere große Wikipedias mit über 100.000 Artikeln gibt es japanischer und französischer Sprache; das quantitative Wachstum der Wikipedia wechselt derzeit zwischen linearem und exponentiellem Wachstum; die Größe der deutschsprachigen Wikipedia wächst derzeit um knapp 20 Prozent monatlich, die Artikelzahl nimmt monatlich um rund 14 Prozent zu – Hinweise auf eine Stagnation gibt es bisher nicht.

Wurde das Projekt zunächst als globaler Schmierzettel belächelt, stellt es mittlerweile nicht nur quantitativ, sondern auch qualitativ eine ernstzunehmende Konkurrenz für die kommerziellen Mitbewerber dar. Es gib zahlreiche Indikatoren für eine hohe Akzeptanz der Wikipedia.

Wikipedia verspricht dabei keine ‚objektiven’ Informationen wie der Brockhaus, sondern kultiviert den Grundsatz des neutralen Standpunkts (Neutral Point of View, NPOV). Die geforderte neutrale Sichtweise zwingt den Autoren dazu, »Ideen und Fakten in einer Weise zu präsentieren, die es sowohl Gegnern als auch Befürwortern ermöglicht, diese Beschreibung zu akzeptieren«; zu einem parteilichen Standpunkt sind also immer die jeweiligen Gegenpositionen vorzustellen und ggf. die jeweiligen Diskurse zu paraphrasieren. Inbesondere bei kontroversen Themen werden die Wikipedianer so zu größtmöglicher Ausgewogenheit gezwungen, nicht zuletzt bei Themen, in denen konventionelle Nachschlagewerke inhärent Ideologien welcher Art auch immer transportieren, dem Leser ihren Standpunkt jedoch nicht kommunizieren, geschweige denn die Positionen der Gegner erörtern.

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