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Varusschlacht

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Varusschlacht

Karte zur Varusschlacht

Konflikt Römisch-Germanische Kriege
Datum September 9 n. Chr.
Ort Vermutlich Kalkriese bei Bramsche
Ergebnis Sieg der Germanen; Vorteil, der den Römern letztlich die Eroberung unmöglich machte
Kontrahenten
Römisches Reich Germanen
(Cherusker, Marser, Chatten, Brukterer, Chauken und andere Stämme)
Befehlshaber
Publius Quinctilius Varus  Arminius
Truppenstärken
drei Legionen, drei Reiterabteilungen, sowie sechs Kohorten (ca.20.000 bis 25.000) unbekannt (10.000 bis 20.000?)
Verluste
etwa 20.000; wenige Überlebende, fast alle gefangengenommen unbekannt, aber viel weniger als die der Römer


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In der Varusschlacht (traditionell auch: Schlacht im Teutoburger Wald oder Hermannsschlacht) im Herbst des Jahres 9 n. Chr. erlitten drei römische Legionen samt Hilfstruppen und Tross unter Publius Quinctilius Varus eine vernichtende Niederlage gegen ein germanisches Heer unter Führung des Cheruskerfürsten Arminius („Hermann“). Die Schlacht leitete einen siebenjährigen Krieg ein, am Ende dessen der römische Versuch, die rechtsrheinischen Gebiete Germaniens zu einer Provinz des Römischen Reiches zu machen, aufgegeben wurde. In der Schlacht wurde etwa ein Achtel des gesamten römischen Heeres und die im Aufbau begriffene rechtsrheinische Infrastruktur Roms vernichtet. Die Germanen verschafften sich so mit einem Schlag einen strategischen Vorteil, den die Römer nie wieder wettmachen konnten. Die Schlacht war zwar noch nicht die „Befreiung Germaniens“, sie war aber die unabdingbare Vorbedingung dafür.

Das politisch-strategisch Bedeutsame am Kriegsausgang, den diese Schlacht weitgehend bedingte, liegt darin, dass die germanischen Gebiete sich selbst überlassen blieben und nicht in den römisch/romanischen Kulturkreis einbezogen wurden. Diese Tatsache gilt als entscheidend für die weitere Entwicklung Europas bis in die heutige Zeit, da die germanischen Stämme sich in der Völkerwanderung zu einer Kraft etablieren konnten, die neben den Hinterlassenschaften des römischen Reiches als Säule des sich herausbildenden mittelalterlichen Europas wirkte.

Als Ort der Schlacht wurden und werden verschiedene Stätten in Norddeutschland und sogar in den Niederlanden vermutet. Nach neueren, aber nicht unbestrittenen Erkenntnissen gehen die meisten Wissenschaftler inzwischen davon aus, dass die historisch bedeutsame Schlacht im südöstlichen Teil des Osnabrücker Landes stattgefunden hat, wobei die Fundstelle am Kalkrieser Berg in Bramsche-Kalkriese nördlich des Wiehengebirges als Hauptorientierungspunkt dient. Als Alternative wird allerdings immer noch das Gebiet um Detmold vorgeschlagen, das im 19. Jahrhundert bevorzugt als Schlachtort vermutet wurde.

Die Varusschlacht gehört zu den weltgeschichtlichen Ereignissen, die im Laufe der Jahrhunderte immer wieder herangezogen wurden, um aus einem historischen Kontext bis in die jeweilige Jetzt-Zeit gültige Grundsatzaussagen zu politischen und weltanschaulichen Standpunkten abzuleiten. Unter anderem wurde der Sieg der Germanen verschiedentlich als deutscher Gründungsmythos gedeutet, wobei der geschlagene Feind für eine Kontinuität herhalten musste, die bis zu einem aktuellen Feind wie etwa dem Papst oder Frankreich führte. Die Debatte um Schauplatz und Verlauf der Auseinandersetzung wird daher bis heute oft sehr emotional geführt. Neben dem Widerstreit unterschiedlicher Ideologien spielt auch der Lokalpatriotismus einzelner Diskutanten eine Rolle, die hoffen, ihrem jeweiligen Heimatort als Schlacht-Schauplatz einen bedeutenden Platz in den Geschichtsbüchern sichern zu können.

Inhaltsverzeichnis

Historischer Hintergrund und Verlauf der Schlacht

Vorgeschichte

Der Zug des Varus war Teil einer umfangreichen Kampagne zur Ausdehnung der Reichsgrenzen östlich des Rheins und nördlich der Alpen bzw. der Donau, die 15 v. Chr. mit dem von Augustus' Stiefsöhnen Drusus und Tiberius geführten Feldzug gegen die Räter und Vindeliker begann. Drusus, der danach den Befehl über die Legionen am Rhein übernahm, führte in den Jahren 12 v. Chr. bis zu seinem Tod 9 v. Chr. ausgedehnte Erkundungszüge östlich des Rheins durch, bei denen er Elbe und Saale erreichte. Dank des neuerbauten Drusus-Kanals, der bei Arnheim im niederländischen Gelderland Rhein und IJssel verband (und heute noch verbindet), konnte die römische Flotte schneller vom Rhein über den IJsselmeer in die Nordsee gelangen und so die Operationen unterstützen. Ziel der Römer war es, die Siedlungsgebiete germanischer Stämme zwischen Rhein und Elbe dauerhaft unter römische Herrschaft zu bringen. Dazu errichteten sie insbesondere an Rhein, Lippe, Weser, Nordsee und Lahn eine Reihe von befestigten Legionslagern und versuchten, unter den Stämmen Verbündete zu gewinnen.

Tiberius, der inzwischen Pannonien erobert hatte, setzte nach dem Tod seines Bruders diese Politik fort, bis er 6 v. Chr. aus dynastischen Gründen ins selbstgewählte Exil ging. Weitere Erfolge bei der Befriedung des Landes wurden von Lucius Domitius Ahenobarbus und nach Tiberius' Rückkehr 4 n. Chr. erzielt. Tiberius gelang die Unterdrückung des „Großen Aufstandes“, wobei eine Gruppe in einer Stammesfehde vertriebener Cherusker – möglicherweise auch die Familie des Arminius – ins Stammesgebiet zurückgeführt werden konnte. Als Bedrohung stellten sich dabei die unter Drusus in das Gebiet des heutigen Böhmen vertriebenen Markomannen unter ihrem Herrscher Marbod heraus. Der im Jahr 6 n. Chr. gegen Marbod geplante Großangriff von 12 Legionen unter Tiberius und Gaius Sentius Saturninus musste aber wegen des zur gleichen Zeit in Pannonien und Dalmatien ausgebrochenen Illyrischen Aufstands (6-9 n. Chr.) abgebrochen werden. Zum neuen Befehlshaber am Rhein wurde 7 n. Chr. Publius Quinctilius Varus ernannt.

Der römische Statthalter Varus

Varus, der als erfahrener Verwaltungsfachmann galt, sollte in den schon römisch beherrschten Gebieten das römische Recht einschließlich des Steuerrechtes und des Waffenverbotes einführen. Sein Amt übte er angeblich mit wenig Feingefühl und Rücksicht auf germanische Gepflogenheiten aus, allerdings kann es auch sein, dass die antike Überlieferung Varus zum Sündenbock gemacht hat. Der römische Historiker Cassius Dio schreibt über die Situation der Römer vor Ort und die von Varus angeblich begangenen Fehleinschätzungen:

„Die Römer besaßen zwar einige Teile dieses Landes, doch kein zusammenhängendes Gebiet, sondern wie sie es gerade zufällig erobert hatten [...] Ihre Soldaten bezogen hier ihre Winterquartiere, Städte wurden gegründet und die Barbaren passten sich der römischen Lebensweise an, besuchten die Märkte und hielten friedliche Zusammenkünfte ab. Freilich hatten sie auch nicht die Sitten ihrer Väter, ihre angeborene Wesensart, ihre unabhängige Lebensweise und die Macht ihrer Waffen vergessen. Solange sie allmählich und behutsam umlernten, fiel ihnen der Wechsel ihrer Lebensweise nicht schwer – sie fühlten die Veränderung nicht einmal. Als aber Quinctilius Varus den Oberbefehl über Germanien übernahm und sie zu rasch umformen wollte, indem er ihre Verhältnisse kraft seiner Amtsgewalt regelte, ihnen auch sonst wie Unterworfenen Vorschriften machte und insbesondere von ihnen wie von Untertanen Tribut eintrieb, da hatte ihre Geduld ein Ende.“

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Nach Ansicht einiger Historiker (etwa Werner Eck) führen diese Aussagen allerdings in die Irre: Germanien sei vor 9 n. Chr. nicht nur „fast“, sondern auch de jure bereits in den Status einer Provinz überführt worden und habe als befriedet gegolten[1]; Varus habe vermutlich den ausdrücklichen Auftrag gehabt, die Verwaltung aufzubauen und Steuern zu erheben. Immer mehr setzt sich jedenfalls die Ansicht durch, Varus habe sich nicht anders verhalten als jeder andere römische Legat, der eine Provinz einzurichten gehabt habe - wobei auch des Öfteren mit Aufständen zu rechnen war. Der einzige Unterschied war in diesem Falle, dass der Aufstand spektakulär gelang, was Varus angelastet wurde.

Arminius als Gegenspieler von Varus

Varus’ Gegenspieler war Arminius, ein Fürst der Cherusker, der als Kind oder in seiner Jugend als Geisel nach Rom gekommen und dort zum römischen Offizier ausgebildet worden war. Er galt als verlässlicher Bundesgenosse und Vertrauter der Römer. Er wurde unter anderem in den römischen Ritterstand erhoben und diente als Hilfstruppenkommandeur. Seine guten Kenntnisse des römischen Militärwesens befähigten ihn, dem römischen Heer eine der empfindlichsten Niederlagen seiner Geschichte beizubringen. Anders als sein Bruder Flavus, der Rom immer treu bleiben sollte, wandte sich Arminius gegen die römische Oberherrschaft in seinem Heimatland.

Ob Varus nun durch sein ungeschicktes Taktieren das Ehrgefühl der germanischen Stämme verletzt hat oder bereits die aus römischer Sicht „normale“ Handlungsweise geeignet war, diesen Widerstand hervorzurufen: Germanien war auf jeden Fall nach einem Eroberungskrieg (12-8 v. Chr.) und einem „großen Aufstand“ (Velleius Paterculus; 1-6 n. Chr.) noch nicht voll erobert und immer noch potenziell rebellisch. So gelang es Arminius, die einst verfeindeten Stämme der Cherusker, Marser, Chatten Angrivarier, Ampsivarier, Brukterer und andere zu einem Bündnis zu bewegen. Arminius war auch in der Lage, den germanischen Stämmen die Schwachstellen der römischen Militärtechnik – und auch der eigenen Taktik – deutlich zu machen. Der Althistoriker Dieter Timpe betont seine Rolle als Anführer regulärer, römisch ausgebildeter cheruskischer Hilfstruppen. Mit großer Wahrscheinlichkeit kämpften diese Truppen mit den Stammeskriegern im Aufstand zusammen.

Arminius selbst spielte ein gefährliches Doppelspiel. Er galt als Tischgenosse des Varus und wiegte diesen in dem Glauben, er sei ein treuer Verbündeter Roms. Er wirkte dabei so überzeugend, dass Varus nicht einmal die Warnung des Fürsten Segestes ernst nahm, Arminius plane den Verrat an Rom. Arminius, von dem Tacitus später berichtet, er habe Segestes’ Tochter Thusnelda gegen den Willen ihres Vaters geheiratet, konnte Varus wohl überzeugen, dass Segestes’ Hinweis nur das Resultat eines internen Familienzwists sei.

Die Falle für Varus

Bild:Der gescheiterte Varus Haltern.jpg
Der gescheiterte Varus Standbild in Haltern

Ähnlich wie seine Vorgänger verbrachte Varus den Sommer in vorgeschobenen Positionen weit im Inneren des neu erschlossenen Landes und überwinterte in Lagern weiter westlich am Rhein. Das Sommerhauptquartier des Varus und drei seiner Legionen lag tief im Gebiet der Cherusker, bis hin zur Weser. Die übrigen zwei Legionen waren entweder am Rhein oder im hessischen Raum stationiert.

Die Schlacht fand statt, als sich Varus und seine Legionen auf dem Rückweg ins Winterhauptquartier befanden. Varus wollte vermutlich die Militärstraße zurück nach Castra Vetera, einem Lager nahe dem heutigen Xanten, für den Rückmarsch nutzen. Doch die Nachricht über einen vermeintlichen kleinen, regionalen Aufstand veranlasste ihn, einen Umweg durch ein den Römern weitgehend unbekanntes Gebiet zu nehmen. Arminius und seine Mitverschwörer gingen voraus, angeblich um Verbündete zu holen. Varus zog weiter und geriet dabei in einen von Arminius sorgfältig geplanten Hinterhalt.

Als Sumpf, Wälder und Regen die materiell überlegenen Römer behinderten und sich die Legionäre in einer langgezogenen Marschkolonne durch das unwegsame Gelände bewegten, griffen Arminius und seine Verbündeten an. Arminius war sich bewusst, dass er die römischen Legionen in einem offenen Kampf nicht besiegen konnte. Für seinen Angriff wartete er daher den Zeitpunkt ab, an denen die Römer sich in einer lang auseinander gezogener Marschordnung befanden und die engen Täler und der Morast die übliche römische Kampftechnik gravierend einschränkten. Die Germanen attackierten in dichten Haufen die Flanken der Kolonne und versuchten, die einzelnen Truppenteile voneinander zu trennen.

Laut dem Historiker Cassius Dio (56.21.3) dauerte die Schlacht vier Tage, wobei es möglich ist, dass der erste Tag der war, an dem die Germanen nur die zurückgeblieben Überwinterungsgarnisonen überfielen (56.19.5) und die drei Legionen noch unbehelligt (und unwissend) voranschritten , denn Dio erzählt nur von drei Tagen, an denen die Varus-Armee kämpfen musste (56.21.1-2). Für zwei Nächte – die erste möglicherweise die Nacht vor dem Überfall – konnte Varus noch befestigte Lager errichten, die allerdings den durch Kampf verschlechterten Zustand der Truppe widerspiegelten, wie der römische Historiker Tacitus berichtet:

„Das erste Lager des Varus ließ an seinem weiten Umfang und an der Absteckung des Hauptplatzes die Arbeit von drei Legionen erkennen. Danach sah man an dem halbeingestürzten Wall und dem niedrigen Graben die Stelle, an der sich die bereits zusammengeschmolzenen Reste gesammelt hatten.“

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Am zweiten Kampftag hatten die Römer mindestens zwei größere Gefechte zu bestehen: Das erste Mal, als sie aus dem dichten Wald heraus kamen, und kurz darauf, als sie wieder in den Wald hinein gerieten. Beim zweiten Gefecht forderten die schwierigen Bedingungen des schlechten Wetters und des unübersichtlichen Baumbestandes erhebliche Verluste unter den römischen Truppen. Vom dritten zum vierten Kampftag (Dio 56,21,3) marschierten die Legionäre die Nacht hindurch.

Wenn dieser Nachtmarsch, wie in Dios Bericht, direkt auf die Kämpfe dieses Tages folgte, muss es, wie oben beschrieben, einen ersten kampflosen Tag gegeben haben. Sonst müsste es hiernach einen weiteren Tag gegeben haben, von dem nichts berichtet wurde.

Am Morgen des vierten Tages muss sich das dezimierte römische Heer zu den Punkt durchgeschlagen haben, den alle Berichterstatter als den Endpunkt ihres Weges beschreiben und der von den meisten Forschern heute mit dem Gelände direkt nördlich des Kalkrieser Berges identifiziert wird. Hier ging die Armee, laut Velleius Paterculus, unter, „zwischen Wäldern, Sümpfen und einem Hinterhalt“ (II 119.2) – letzteres möglicherweise der von Archäologen freigelegte „Germanenwall“ am Kalkrieser Berg, der Spuren eines erfolglosen Erstürmungsversuches aufweist. Hier war auch der weitere Weg durch einen Graben unterbrochen. Die Germanen erstürmten dann das Feld und machten die Truppen der sich auflösenden Armee nieder (Dio 56,21,4-5), die Reiterei, angeführt vom zweitranghöchsten Offizier, dem Legaten Numonius Vala, flüchtete, wurde jedoch von den Germanen eingeholt und getötet. Varus beging gemeinsam mit einigen seiner Offiziere Selbstmord. Der Lagerkommandant Ceionus kapitulierte, nachdem sein Kollege Eggius gefallen war (Velleius Paterculus II 119.4).

Tacitus beschreibt das Schlachtfeld, wie es noch im Jahre 15 von Germanicus vorgefunden wurde:

„Mitten auf dem Felde lagen bleichende Knochen, zerstreut oder in Haufen, je nachdem ob sie von Flüchtigen oder von einer noch Widerstand leistenden Truppe stammten. Daneben lagen zerbrochene Waffen und Pferdegerippe, an Baumstämmen waren Schädel befestigt. In Hainen in der Nähe standen die Altäre der Barbaren, an denen sie die Tribunen und Zenturionen ersten Ranges geschlachtet hatten.“

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Die drei Legionen (die XVII, XVIII, XIX) mit zusammen etwa 20.000 Soldaten sowie weiteren Hilfstruppen wurden nahezu vollständig vernichtet. Das Haupt des Varus wurde an Arminius’ Rivalen Marbod, dem König der in Böhmen siedelnden Markomannen, gesandt, dieser schickte ihn aber an die Familie des Varus nach Rom weiter. Er schlug damit Arminius’ Angebot für ein antirömisches Bündnis aus. Kaiser Augustus soll angesichts der Niederlage ausgerufen haben:

Quintili Vare, legiones redde!

„Quintilius Varus, gib die Legionen zurück!“

Sueton: Augustus 23

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häufig in etwas veränderter Form zitiert, etwa als:

Vare, Vare, redde mihi legiones meas!

„Varus, Varus gib mir meine Legionen wieder!“

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Die besiegten Legionen wurden nach der Katastrophe nicht wieder aufgestellt, was einen in der römischen Militärgeschichte einzigartigen Tatbestand darstellt.

Nachwirkung der Schlacht

Germanen

In Germanien erfolgte nach der Varusniederlage eine „westwärtsgerichtete Offensive“[2] der Germanen, eine vollkommene Zerstörung der seit mehr als zwanzig Jahren aufgebauten römischen Präsenz, wobei viele Lager und mindestens zwei Städte (Haltern/Westfalen und Waldgirmes/Hessen) eingenommen und Straßen, Wasserwege, Bleibergwerke im Sauerland und andere Einrichtungen überrannt wurden. Nur ein Lager, Aliso (möglicherweise mit Haltern zu identifizieren) hielt sich einige Zeit, aber auch seine Besatzung musste nach einigen Wochen aufgeben und brach unter schweren Verlusten bis zum Rhein durch.

Nach Ende des Krieges mit den Römern (siehe unten) besiegte Arminius im Jahr 17 zusammen mit unter anderem den Sueben und Langobarden Marbod, der zwei Jahre später von den Goten ins römische Reich vertrieben wurde. Im Jahr 21 wurde Arminius von Verwandten ermordet, die ihn für zu mächtig hielten. Nach Tacitus spielte hierbei sein Machtstreben die entscheidende Rolle. Das strategische Ziel des Arminius war es, die römische Herrschaft über das heutige Nordwestdeutschland zu beenden, das operative, die römischen Besatzungstruppen zu vernichten, und das taktische, die römische Marschsäule in einen Hinterhalt zu locken.[3] Der Sieg in der Varusschlacht war das Ergebnis einer geschickten Planung, die sämtliche Schritte der Römer mit einkalkulierte. Wichtig war ferner, dass es Arminius gelang, eine feste Koalition aus mindestens elf Stämmen zu bilden und den selbstbewussten, stets auf seine Unabhängigkeit bedachten germanischen Adel über Jahre hinweg zu großen Teilen in den Plan einzubinden. Selbst einige militärische Rückschläge gegen den römischen Feldherrn Germanicus, der auf Varus folgte, konnten das Bündnis des Arminius nicht ernsthaft erschüttern.[4] Es brach erst auseinander, als der neue Kaiser Tiberius im Jahre 16 die Germanenfeldzüge für beendet erklärte und Roms Rückzug auf die Rhein-Donau-Grenze beschlossene Sache war. Rom hatte Glück, dass die Gallier die für sie günstige Situation erst zu spät – 19 n. Chr. – für einen Aufstand nutzten.

Römer

Die katastrophale Niederlage des Jahres 9 n. Chr. hatte den fast völligen Rückzug Roms auf die Ausgangspositionen vor der Offensive von 12 v. Chr. zur Folge. Die Vernichtung der drei Legionen, sechs Kohorten und drei Alen ging einher mit dem Verlust römischer Kastelle zwischen Rhein und Weser. Tiberius wurde nach der Niederlage des Varus von Augustus wieder mit dem Kommando in Germanien betraut, traf allerdings im Jahre 10 n. Chr. nur Vorbereitungen.[5] Ob seine große Zurückkhaltung unmittelbar nach der Varusschlacht eher gegen einen Plan für den sofortige Rückeroberung des Raumes zwischen Elbe und Rhein sprechen oder allein kluge Vorsicht widerspiegeln, ist umstritten.[6] In den folgenden Jahren überschritt Tiberius allerdings den Rhein und drang tiefer ins Landesinnere vor. Schließlich sei er mit größtem Ruhm bedeckt in das Winterlager zurückgekehrt.[7] Der Erfolg dieser Feldzüge des Tiberius wird in den Quellen und in der Forschung anders bewertet. Nach Dio (56,25,2.) kam es zu keinen militärischen Auseinandersetzungen, da die Römer aus Furcht vom Rhein aus nicht weit vorrückten. Auch in der Forschung[8] wird Velleius’ Darstellung der Feldzüge angezweifelt, da Velleius dazu neigte, die Leistungen des Tiberius deutlich zu übertreiben. Außerdem sind keine Spuren von Militärwegen oder Anzeichen von Holzkohleschichten entdeckt worden, die man bei einem großflächigen Abbrennen von Siedlungen erwarten würde. Dennoch zeigen neuere archäologische Erkenntnisse, dass es zu römische Wiedereinrichtungen am rechten Rheinufer kam.

Augustus verfolgte bezüglich Germaniens ein offensives Konzept. Zum einem wurde das Militärkommando an Germanicus Caesar zum Jahresende 12 n. Chr vergeben. Außerdem wurden die drei verlorenen Varus-Legionen sofort ersetzt und die Gesamtzahl der Rheinlegionen von sechs auf acht erhöht.[9] Ebenso wurde die Flotte wieder eingesetzt.[10] Augustus berichtet in den Res Gestae (26) wie folgt: Gallias et Hispanias provincias, item Germaniam, qua includit Oceanus a Gadibus ad ostium Albis fluminis, pacavi.(„Die gallischen und spanischen Provinzen und ebenso Germanien, soweit der Ozean [sie] einschließt von Gades bis zur Mündung der Elbe, habe ich befriedet.“) Dieser Satz des Princeps lässt keinerlei Gedanken an Rückzug oder Resignation erkennen, ebenso wurde die Varusniederlage im offiziellen Sprachgebrauch der Res Gestae, des Tatenberichts des Augustus, verschwiegen. Der Satz ist vielmehr geprägt vom imperialen Stolz des Princeps auf die Eroberung einer so weitreichenden Ozeangrenze. Er zeigt auch, dass Augustus den Anspruch auf Germanien nicht aufgegeben hat.[11]

Im Jahr 14 n. Chr. begann Germanicus erneut mit Feldzügen in Germanien. Gegenspieler des Germanicus war wiederum Arminius. Die Feldzüge (siehe unten) wurden durch den neu ernannten Kaiser Tiberius im Jahre 16 n. Chr. beendet, weil der Aufwand an Menschen und Material für die Römer zu hoch wurde. Es mögen aber auch noch andere Motive eine Rolle gespielt haben. Der Ausgang der Varusschlacht sorgte mit dafür, dass Germanien weitgehend außerhalb des römischen Machtbereichs blieb und eine andere Entwicklung erfuhr als beispielsweise das keltische Gallien. Bei den Römern begann man andererseits, die gewaltigen Ausdehnungen des europäisch-asiatischen Raumes zu erahnen und in eine Politik umzusetzen, die diesen Gegebenheiten Rechnung trug. Beides mündete schließlich in eine Entwicklung, die in der Völkerwanderung endete und im 5. und 6. Jahrhundert zu eigenständigen germanischen Reichen auf römischem Boden führte.

Die historische Quellenlage

Der katastrophale Ausgang dieses militärischen Unternehmens wurde bereits von den Zeitgenossen aufgenommen und kommentiert. Sueton, Velleius Paterculus, Tacitus, Lucius Annaeus Florus und Cassius Dio Cocceianus berichten über diese Schlacht, die der römischen Expansionspolitik in Germanien ein Ende bereitete. Keiner dieser Autoren war Zeuge der Schlacht, Velleius Paterculus war immerhin Zeitgenosse der Ereignisse und kannte Germanien aus eigener Anschauung. Alle römischen Autoren fällen ein einhellig negatives Urteil über Varus. Dieses Urteil könnte nicht unwesentlich davon geprägt sein, einen eindeutig Schuldigen für den Untergang der römischen Legionen zu finden.

Bild:Caelius01.jpg
Der Grabstein des Marcus Caelius

Die Berichte über den Ablauf der Schlacht sind in den einzelnen Quellen recht unterschiedlich und können kaum miteinander in Einklang gebracht werden. Man hat daher vermutet, dass es sich bei keinem der Berichte um eine Wiedergabe von Tatsachen handelt, sondern nur um eine mehr oder weniger dramatisch ausgemalte Phantasiedarstellung der jeweiligen Autoren unter Verwendung örtlicher Elemente von Schlachtbeschreibungen. Folgt man dieser Annahme, so lässt sich über die Schlacht nichts weiter sagen als nur die bloße Tatsache der römischen Niederlage und des Untergangs der drei Legionen in Germanien. Quellen, die den Hergang aus germanischer Sicht oder zumindest aus neutraler Sicht schildern, fehlen.

In dem lebhaftesten Bericht von der Schlacht, den der römische Historiker Cassius Dio Cocceianus verfasste, heißt es:

„Denn das Gebirge war voller Schluchten und Unebenheiten, und die Bäume standen so dicht und waren so übergroß, dass die Römer auch schon ehe die Feinde über sie herfielen, sich, wo nötig, abmühten, die Bäume zu fällen, Wege zu bahnen und Dämme zu bauen.
Und wenn dazu noch Regen und Sturm kam, zerstreuten sie sich noch weiter. Der Boden aber, schlüpfrig geworden um die Wurzeln und Baumstümpfe, machte sie ganz unsicher beim Gehen, und die Kronen der Bäume, abgebrochen und herabgestürzt, brachte sie in Verwirrung.
[...] umstellten die Germanen sie plötzlich von überall her gleichzeitig durch das Dickicht hindurch, da sie ja die Pfade kannten, und zwar schossen sie zuerst von fern, dann aber als sich keiner wehrte, doch viele verwundet wurden, gingen sie auf sie los.
Es war unmöglich, 1. in irgendeiner Ordnung zu marschieren [...], 2. konnten sie sich auch nur schwer zusammenscharen, und waren Schar für Schar immer weniger als die Angreifer, [...]
Daher schlossen sie die Römer mühelos ein und machten sie nieder, so dass Varus und die Angesehensten aus Furcht, gefangen genommen oder getötet zu werden – denn verwundet waren sie schon – sich zu einer furchtbaren, aber notwendigen Tat entschlossen. Sie töteten sich selbst.
Als dies bekannt wurde, wehrte sich auch keiner mehr, auch wenn er noch kräftig war, sondern die einen taten es ihrem Anführer nach, die anderen warfen die Waffen weg und überließen sich dem, der sie töten wollte. Denn fliehen konnte keiner, wenn er es auch noch so gerne wollte.“

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Die unten beschriebenen Ausgrabungsergebnisse bei Kalkriese scheinen zumindest zu bestätigen, dass es sich bei der Schlacht nicht um eine Schlacht auf einem Schlachtfeld gehandelt hat, oder gar um einen Überfall auf ein römisches Standlager, wie bei Florus zu lesen ist, sondern um eine Kette von Überfällen auf die römische Marschkolonne in für die Römer ungünstigem Gelände, welche die römischen Truppen nach und nach aufgerieben haben.

Das lange Zeit einzige archäologisch-epigraphische Zeugnis der Schlacht (das jedoch weder zur Frage des Orts noch zur Kenntnis des Schlachtverlaufs etwas beitrug) ist ein im Xantener Ortsteil Birten gefundener Grabstein für den „im Krieg des Varus“ (bello Variano) ums Leben gekommenen römischen Centurio Marcus Caelius. Das lebensgroße Bildnis zeigt den römischen Offizier in seiner vollen Uniform zwischen seinen beiden Freigelassenen, die bei dem Unternehmen ebenfalls zu Tode gekommen sind. Der Stein vermerkt ausdrücklich, dass die Leiche des Caelius nicht geborgen werden konnte, und befindet sich heute in Bonn.

Ort der Schlacht

Bild:Kalkriese Ort der Varusschlacht.jpg
Vermuteter Ort der Schlacht bei Kalkriese

Es ist lange gerätselt worden, wo die Schlacht stattgefunden haben könnte. Über 700 verschiedene Orte erhoben im Laufe der letzten 200 Jahre Anspruch auf diese ‚Ehre‘. Da der Geschichtsschreiber Tacitus vom saltus Teutoburgiensis schrieb, hat sich der Begriff von der Schlacht im Teutoburger Wald ergeben. Der heute als Teutoburger Wald bekannte Höhenzug trägt diesen Namen allerdings erst seit dem frühen 19. Jahrhundert, als Arminius-Begeisterte meinten, den Ort der Schlacht im damals noch Osning genannten Gebirgskamm lokalisieren zu können. Somit ist auch das an die Schlacht erinnernde Hermannsdenkmal bei Detmold Ergebnis eines unzureichenden Lokalisierungsversuches. Trotz seines Namens hat der Teutoburger Wald also mit der Ortsangabe des Tacitus nichts zu tun.

Neuere archäologische Funde, die seit Ende der 1980er Jahre gemacht wurden, lassen auf Kampfhandlungen bei Kalkriese schließen, einem Stadtteil der niedersächsischen Stadt Bramsche im Landkreis Osnabrück. Kalkriese liegt etwa zehn Kilometer östlich von Bramsche. Die Art der archäologischen Befunde lassen aus Sicht der beteiligten Forscher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit den Schluss zu, dass es sich bei der Fundstelle um den Ort der Varusschlacht handelt. Es fehlt jedoch der letzte Beweis. Es ist vielfach der Einwand erhoben worden, das Gelände am Kalkrieser Berg passe nicht gut zu den geographischen Angaben, die Tacitus im Zusammenhang mit dem Bericht vom Besuch des Germanicus auf dem Schlachtfeld macht. Diese Angaben sind aber nicht sehr detailliert und der Standort passt hingegen gut zu den Angaben der anderen beiden seriösen Quellen, Cassius Dio und Velleius Paterculus, wenn man davon ausgeht, dass die Römer erst am letzten Tag in Kalkriese ankamen und der Überfall „im dichten Wald“ südlich des Wiehengebirges, also z. B. zwischen Melle und Ostercappeln, zu suchen wäre.

Unter „Kalkriese-Gegnern“ überwiegt die Vermutung, die eindeutigen Schlachtspuren vor dem Kalkrieser Berg seien wohl die Überreste von den Kampfhandlungen des Jahres 15 n. Chr. unter Germanicus, wobei meist die „Schlacht an den langen Brücken“ des Germanicus-Untergebenen Caecina vorgeschlagen wird, da angeblich der Bericht des Tacitus über diese Schlacht gut zum Kalkrieser Gelände passe.

Bei näherem Betrachten ist dies allerdings nur sehr bedingt der Fall, außerdem passen die archäologischen Funde von Kalkriese in vieler Hinsicht nicht zu dieser Schlacht. Vor allem sind die in Kalkriese gefundenen Knochen sehr eindeutig mit denen in Einklang zu bringen, die Germnicus laut Tacitus auf dem Feld der Varusschlacht bestattete. Auch sprechen die Münzfunde eher gegen Kalkriese als Ort einer späteren Schlacht, da dort keine Münzen aus den Jahren 10 bis 15 n. Chr. gefunden wurden. Aus anderen Schlachtorte dieses Feldzuges sind darüber hinaus kaum Münzfunde gemacht worden, da auch berichtet wurde, dass auf diesen Feldzügen nichts Überflüssiges mitgeschleppt werden sollte – und Tonnen von Kupfergeld wären sicherlich so zu charakterisieren gewesen. Dass also überhaupt größere Mengen an Münzen gefunden wurden spricht für Kalkriese als Ort einer Schlacht, die einer sich in Frieden wähnenden Armee aufgezwungen wurde.

Die Indizien für Kalkriese

Bild:Roemische Schleuderbleie Varus Kalkriese.jpg
Die drei Schleuderbleie als zentrales Beweisstück
Bild:Maske Museum Kalkriese 1.jpg
Eiserne Maske eines Gesichtshelms, der in Kalkriese gefunden wurde

Auch wenn die Diskussion noch immer nicht abgeschlossen ist, hält doch die große Mehrheit der Historiker einen Zusammenhang zwischen Kalkriese und der Varusschlacht aufgrund einer Reihe von Indizien zumindest für eine sehr plausible Hypothese. Theodor Mommsen hatte aufgrund der relativ großen Anzahl gefundener Goldmünzen mit dem Bildnis des Augustus bereits Ende des 19. Jahrhunderts vermutet, dass in dem Gebiet nördlich von Osnabrück zwischen Kalkrieser Berg und Großem Moor am Wiehengebirge in augusteischer Zeit wahrscheinlich Kampfhandlungen stattgefunden hatten. Seit 1987 sind in dem Gebiet viele archäologische Funde wie Münzen, militärische Ausrüstungsgegenstände und Wallanlagen gemacht worden. Bis auf wenige Ausnahmen handelt es sich bei den Funden um kleine Stücke und Fragmente, die entweder der systematischen Plünderung des Schlachtfeldes entgangen sind, oder die den Germanen des Aufhebens nicht wert waren. Zu den wichtigsten Funden zählen:

  • die Entdeckung von drei Schleuderbleien durch den britischen Offizier und Amateurarchäologen Major Tony Clunn im Jahre 1988, denn damit war eindeutig die Anwesenheit von Legionären an diesem Ort bewiesen.
  • die Krieger- oder Prunkmaske (siehe Abbildung).
  • verschiedene Teile der Ausstattung von Reit- und Zugtieren wie beispielsweise eine als Deichselende umfunktionierte Kuhglocke oder ein bronzener Anhänger eines Pferdegeschirrs, der gleichzeitig die Funktion eines Amuletts hatte.
  • Fundstücke aus verschiedenen handwerklichen Bereichen. So weisen ein bronzener Knochenheber und ein bronzener Skalpellgriff auf die Anwesenheit von Ärzten und die gefundenen bleiernen Senklote auf anwesende Landvermesser hin.
  • die Entdeckung von drei Wallanlagen, vor denen besonders viele Kleinteile wie Kupfermünzen oder Fragmente gefunden wurden, sowie die Überreste eines angeschirrten Maultiers, das offenbar von einer während des Kampfes zusammenbrechenden Wallanlage verschüttet wurde. Die Wallanlagen sind so angelegt, dass von ihnen aus der Weg besonders gut angegriffen werden konnte. Die hinter den Wällen Lagernden konnten auf diese Weise den Hangfuß des Kalkrieser Berges kontrollieren, der im Norden durch die meist unpassierbaren Feuchtniederungen abgeschlossen war.
  • ein verziertes, sieben mal sechs Zentimeter großes Silberblech-Fragment, das im Jahr 2005 zusammen mit einem verbogenen Bronzeblech in einem V-förmigen Graben am Westende des Walles auf dem zentralen Fundplatz Oberesch gefunden wurde. Es weist darauf hin, dass der rechtwinklig zum Wallende verlaufende Graben während der Kampfhandlungen offen war und erst später verfüllt wurde. Wegen des Arbeitsaufwandes, mit dem der lange Graben angelegt wurde, sprechen die Archäologen der Anlage strategische Bedeutung zu. Sie sollte offenbar das Vordringen von Gegnern hinter den Wall verhindern.
  • die Entdeckung von mehreren Gruben, die mit menschlichen und tierischen Knochen gefüllt waren. Die menschlichen Knochenreste gehören durchweg zu Männern im Alter zwischen 25 und 45 Jahren. Einige Knochen weisen eindeutige Hiebspuren auf (beispielsweise ein menschlicher Schädel, der durch einen Schwerthieb gespalten wurde). Der anthropologische Befund weist auch darauf hin, dass die Skelette mehrere Jahre an der Erdoberfläche gelegen haben (Schlussfolgerung aufgrund der Trockenrisse der Knochen sowie der ungeordneten Einbringung von nicht vollständigen Skeletten in die Gruben).
  • 1500 römische Münzen, die überwiegend aus der Regierungszeit des Kaisers Augustus stammen (die übrigen sind älter, zur Einordnung des Fundes interessieren nur die jüngsten Münzen). Es sind keine römischen Münzen vorhanden, die später als 9 n. Chr. geprägt wurden. Vorhanden sind dagegen Kupfermünzen mit dem Gegenstempel des Varus, die nur in den Jahren 7 bis 9 n. Chr. geprägt wurden.

Ein weiterer wesentlicher Befund ist die Streuung der archäologischen Zeugnisse über eine mehrere Kilometer lange Wegstrecke.

Die Befunde legen den Schluss nahe, dass in spätaugusteischer Zeit römische Legionen, die von einem Tross begleitet waren, bei Kalkriese in massive Kampfhandlungen verwickelt waren. Die Datierung der Münzen und die Tatsache, dass in den Jahren der Statthalterschaft des Varus keine weiteren kriegerischen Ereignisse überliefert sind, an denen römische Legionen beteiligt waren, deuten darüber hinaus darauf hin, dass Kalkriese der Ort der Varusschlacht ist. Die Streuung der Funde passt zu dem Schlachtgeschehen, das sich über vier Tage (Cassius Dio 56 ,21,3) an unterschiedlichen Orten ereignete. Die Bestattungsgruben stimmen mit der Überlieferung überein, dass Germanicus im Jahre 15 n. Chr. am Ort der Schlacht den gefallenen Legionären ein ehrenvolles Begräbnis gab. Auch die Beschaffenheit des Geländes passt zur schriftlichen Überlieferung.

Geländemerkmale und ihre Auswirkung auf den Schlachtverlauf

Bild:Varus02.jpg
Geländemodell des Schlachtfeldes

Die 20 Kilometer nordöstlich von Osnabrück liegende Kalkrieser-Niewedder Senke ist die einzige Passage in ost-westlicher Richtung, die über ebenes und trockenes Gelände führt, will man nicht große Umwege in Kauf nehmen. Die sechs Kilometer lange Engstelle wurde im Norden durch ein riesiges Hochmoor, im Süden durch das schräg verlaufende Wiehengebirge sanduhrartig eingeschnürt. Die Hangsandzone verengt sich an den Ost- und den Nordhängen des Kalkrieser Berges auf weniger als 100 Meter. Der Weg, der nicht mit einer gut ausgebauten Römerstraße verwechselt werden darf, war noch schmaler. Das galt ebenso für die Brücken, die über Bäche und Flüsse führten oder die zum Teil erst noch von der marschierenden Truppe gebaut werden mussten. Solche Engstellen lösten bei größeren Truppenverbänden unweigerlich Rückstaueffekte aus. Die Breite einer Kolonne hängt immer von der schmalsten Stelle des zu passierenden Weges ab. Die Marschlänge wird bei drei Legionen, drei Alen und sechs Kohorten sowie einem außergewöhnlich großen Tross und einer unbekannten Zahl von begleitenden Zivilisten mindestens 15 bis 20 Kilometer betragen haben. Um eine bestmögliche Wirkung zu erzielen, empfahl sich zuerst ein Angriff auf die Nachhut. Als diese stehen blieb, um den Angriff zu erwidern, ging der Zusammenhalt mit der restlichen Marschkolonne verloren. Der vermutlich einige Kilometer vom Kampfort entfernte Oberbefehlshaber erfuhr nur durch Gerüchte von den Vorgängen und konnte so die Lage nicht übersehen, geschweige denn die richtigen Befehle erteilen. Gerüchte über einen Feind, den der Legionär nicht von vorne sah, sondern der hinterrücks angriff, verschlechterten die Kampfmoral. Gleichzeitig einsetzende Regengüsse erschwerten möglicherweise den Gebrauch der Waffen. Die Legionäre waren darüber hinaus durch ihr eigenes Marschgepäck behindert, das bis zu 50 Kilogramm wog.

Weil die Marschkolonne mit dem Tross und den vielen Unbewaffneten durchsetzt war, konnten die Römer außerdem nicht ohne weiteres dicht aufschließen. Ihre einzelnen Abteilungen waren aufgrund der Taktik des „zerstreuten Gefechts“ jeweils zahlenmäßig schwächer als die angreifenden Stoßtrupps der Germanen. So erlitten die Legionäre erhebliche Verluste, ohne den Germanen nennenswerte Schläge zufügen zu können, denn diese zogen sich nach kurzer Zeit wieder auf die bewaldeten Anhöhen zurück.

Das Ausgrabungsfeld

Bild:Ausgrabung bei Kalkriese.jpg
Eine Ausgrabungsstelle auf dem Schlachtfeld

Die heutige Tätigkeit der Archäologen konzentriert sich im Wesentlichen auf ein Gebiet namens Oberesch, das vom Zug des Varus durchquert wird. Der Name Esch deutet im übrigen auf eine Methode der Bodenverbesserung hin, die in Norddeutschland seit Jahrhunderten angewendet wird: Aus den nahen Moorgebieten sowie aus den eigenen Ställen wird immer wieder Material herangeschafft, um den vom Anbau von Getreide ausgelaugten Boden zu düngen (sog. Plaggenwirtschaft). Die herangeschafften Mengen reichten aus, die ursprüngliche Erdoberfläche unter einer meterhohen Schicht verschwinden zu lassen und über 2000 Jahre hinweg zu konservieren.

Kennzeichnend für den Weg der Legionäre waren die besagten Münzfunde, bei denen sich interessanterweise immer wieder kleinere Siegelstücke fanden, mit denen normalerweise das Säckchen von Schreibutensilien verschlossen wurde. Ihr gehäuftes Auftreten in der Gegend von Kalkriese lässt die Vermutung aufkommen, dass das Vergraben der persönlichen Besitztümer der römischen Soldaten vor einem Gefecht von der Armee organisiert wurde, um je nach Ausgang des Gefechtes Eigentumskonflikte zu vermeiden und den beteiligten Soldaten ihre persönliche Habe zurückerstatten zu können. Für Verwundete und Tote werden demnach ähnliche Regeln vorhanden gewesen sein. Art, Menge und Verbreitung von aufgefundenen Münzen lassen allerdings den Schluss zu, dass es sich bei Kalkriese um eines unter vielen Kampffeldern der untergegangenen Legionen handelt. Die großräumige Streuung des gesamten Fundmaterials sowie der Münz-, Einzel- und Hortfunde macht die Interpretation als Verlustgut unwahrscheinlich. Die Gabelung des Fundstranges etwa 500 m westlich der Ausgrabungsstätte deutet dagegen auf ein unkoordiniertes und planloses Vorgehen der Römer während der Schlacht hin.

Die „Schlacht von Barenau“ und die Schlacht an den Langen Brücken

Germanicus besuchte im Jahre 15 n. Chr. das Schlachtfeld und bestattete die Gefallenen. Danach griff er Arminius nach Osten an, nicht allzu weit von Kalkriese entfernt. Diese Schlacht ist in der herkömmlichen Geschichtsschreibung gemeinhin als „die Schlacht von Barenau“ bezeichnet worden; Barenau ist ein ganz nah am Kalkrieser Gelände grenzendes Gut – allerdings liegt es westlich des Schlachtfeldes. Da man die bereits im 19. Jahrhundert entdeckten Münzfunde des Kalkrieser Bereiches irgendwie einordnen wollte, hat man sie mehr oder weniger willkürlich dieser Schlacht zugeordnet. Tatsächlich müsste diese Schlacht aber etwas weiter von Kalkriese entfernt liegen und darüber hinaus in eine andere Richtung, vermutlich sogar südlich des Wiehengebirges. Tacitus, der Germanicus stets in einem positiven Licht darstellte, beschreibt die Schlacht zwar als unentschieden, aber auch sein Bericht lässt eine empfindliche Niederlage der Römer vermuten – vor allem die Tatsache, dass diese nun kehrt machten und das Gebiet verließen.

Germanicus teilte seine Armee und fuhr mit vier Legionen auf Schiffen über Ems und Nordsee – wo er in einer Sturmflut große Verlust erlitt – zurück in den Rhein. Der General Caecina zog von der Ems nach Südwesten mit Befehl, einen alten Dammweg durch einen Sumpf instandzusetzen – wo er dann feststellen musste, dass Arminius mit seiner Armee bereits auf ihn wartete. Wieder wurden die Römer über zwei Tage durch die Landschaft gehetzt, wieder standen sie vor dem Verderben, nur der verfrühte – entgegen den Rat des Arminius erfolgte – Angriff auf ihr Nachtlager endete in einen Rückschlag für die Germanen, wodurch Caecina den Rest seines Heeres nach Xanten retten konnte. Diese Schlacht ist von Tacitus bewusst als ein für die Römer positiv ausgehendes Gegenstück zur Varusschlacht beschrieben worden, tatsächlich ist sie in ihrem Verlauf der Varusschlacht ähnlich (Tacitus, Annalen, 1, 63-70).

Neueste Forschungsergebnisse

Bild:Varus01.jpg
Ein rekonstruierter germanischer Wall auf dem ausgegrabenen Schlachtfeld

In der neueren Zeit wurde der Versuch unternommen, bei dem jetzigen Stand der Forschung die schriftlichen Quellen und die archäologischen Überreste miteinander zu vergleichen. Der Schlachtbericht des Cassius Dio trifft im Wesentlichen zu, seine Glaubwürdigkeit wurde dadurch sehr gestärkt.

Bezüglich der Datierung des Varusschlachtfeldes muss berücksichtigt werden, dass Germanicus es zweimal besuchte und dass im Jahre 15 n. Chr. zwei Schlachten in der näheren Umgebung geschlagen wurden, wobei sich die Schlachtfelder zum Teil überlappt haben könnten. In diesem Zusammenhang ergab sich natürlich auch die Möglichkeit des Münzverlustes und des nicht kontrollierten Vergrabens der persönlichen Besitztümer der Soldaten.

In kaum zehn Kilometer Luftliniendistanz zu Kalkriese haben Archäologen einen Bohlenweg aufgefunden, der dendrochronologisch in das Jahr 15 n. Chr. datiert werden kann und, da einige Hölzer von manchen Forschern als germanische Waffen mit Kampfspuren gesehen werden, in Verbindung mit entweder der Varus- oder auch der Lange-Brücken-Schlacht gebracht werden. Andere Forscher halten sie für Baumaterial. Der Weg hätte sich allerdings kaum für römischen Legionen geeignet, da er zu wenig Stabilität geboten hätte.

Die Forschungsergebnisse des Jahres 2006 haben zu einer Kontroverse geführt, bei der die Örtlichkeit der Schlacht erneut in Frage gestellt wurde. Hierbei handelt es sich um einen Graben am Westende des Schlachtfeldes, wodurch der weitere Weg über den Hangsandrücken – d. h., über die Verkehrsstraße, so wie es sie gab – abgeschnitten wurde. Der Graben endete stoßartig im Germanenwall. Laut den Kritikern könnte dieser Graben nur das Werk von Römern und nicht von Germanen sein, da es sich um einen sog. Spitzgraben handelt, einen etwa 2 m tiefen, unten spitz zulaufenden Dreiecksgraben, mit dem römische Lager geschützt wurden.

Bei näherer Betrachtung ist dies allerdings keineswegs zwingend der Fall. Denn auch Teile der Gräben am Wall sind als Spitzgräben ausgeführt worden und Teile der neuen Gräben sind keine Spitzgräben. Der Verdacht liegt also nahe, dass in einigen Abschnitten, sowohl am Wall wie auch am Abschlußgraben Germanen aus der Umgebung Hand anlegten und „normale“ Muldengräben erzeugten, während gleich nebenan ihre aus der römischen Armee desertierten Kameraden, die in solchen Techniken ausgebildet waren, Spitzgräben aushoben.

Die wirklich neue Erkenntnis des Grabungsjahres 2006 ist eine andere: Das Schlachtfeld am Kalkrieser Berg war nicht in erster Linie, wie man bislang vemutet hatte, Ort eines sog. „Defilleegefechtes“, wobei ein langausgezogener Heereszug von den hinter dem Wall lauernden Germanen immer wieder seitlich angegriffen wurde, sondern die Römer tappten (zum zweiten Mal) in eine Falle, denn sie konnten auch nach vorne nicht weiter, der Graben, vermutlich mit einer Brustwehr dahinter, stand ihnen im Weg. Da auch keine Kampfspuren im Graben auszumachen sind, ist vorläufig zu vermuten, dass der einzige konzentrierte Versuch, aus der Falle herauszukommen, darin bestand, dass man den Wall an der Stelle zu stürmen versuchte, wo auch die meisten Funde gemacht worden sind – allerdings vergeblich. Dieser Befund spricht also auch gegen Theorien, wonach die Römer auch jenseits von Kalkriese weitergekommen seien.

Das Schlachtfeld heute

Die erfolgreiche archäologische Untersuchung eines antiken Schlachtfeldes stellt eine besondere wissenschaftliche Leistung dar. Das besondere Interesse, das die Varusschlacht immer noch auslöst, hat dazu geführt, dass sehr frühzeitig die immer noch laufenden Ausgrabungen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden. Bereits 1993 – also eine verhältnismäßig kurze Zeit nach der Entdeckung der ersten archäologischen Funde – wurde in unmittelbarer Nähe zum Ausgrabungsfeld ein Informationsraum auf einem Bauernhof eröffnet. Im Rahmen der Expo 2000 in Hannover entstand nach den Plänen der Schweizer Landschaftsarchitekten Zulauf + Partner der etwa 20 Hektar große Museumspark Varusschlacht, der im Jahre 2001 durch ein eigenständiges Museum, geplant von den Architekten Gigon/ Guyer aus Zürich, ergänzt wurde. Park und Museum zählen heute unter Fachleuten zu den sehenswertesten Beispielen aktueller Architektur und Landschaftsarchitektur in Europa. Der vermutete Verlauf der Schlacht lässt sich anhand der Parkgestaltung nachvollziehen: die Marschwege der Römer sind durch Stahlplatten gekennzeichnet und die versteckten Wege der Germanen im Wald sind durch Holzspäne bedeckt.

Das Museum und die archäologische Forschungsstätte wurden am 5. November 2005 mit dem Europa Nostra Award 2004 für die innovative Interpretation eines antiken Schlachtfeldes und die interdisziplinäre Forschungsarbeit ausgezeichnet.

Ein Link zur Museums-Webseite steht bei Weblinks.

Alternative Theorien zum Ort der Schlacht

Über Jahrhunderte war der Ort der Schlacht umstritten und insbesondere ein beliebtes Forschungsthema für Lokalforscher, da die schriftlichen Zeugnisse zur Varusschlacht keine genaue Lokalisierung zulassen. Man schätzt, dass weit über tausend verschiedene Theorien entwickelt wurden, die überwiegende Zahl davon ohne ernstzunehmende Indizien (praktisch alle Orte im westfälischen Raum wurden schon von dort ansässigen Amateurforschern als Schlachtort vermutet). Die bis zu den Funden und Ausgrabungen bei Kalkriese von vielen Wissenschaftlern am ehesten ernstgenommene Lokalisierung legte die Schlacht an den (heutigen) Teutoburger Wald, wo bei Detmold als Symbol des erwachenden deutschen Nationalismus im 19. Jahrhundert das Hermannsdenkmal errichtet wurde. Die Überlegungen von Theodor Mommsen aufgrund der Münzfunde, die von den aktuellen Ausgrabungen bestätigt werden, waren dagegen zu ihrer Zeit eine Minderheitsmeinung.

Die Ansicht, dass die Schlacht tatsächlich im Raum des Teutoburger Waldes und (konkret) der Wistinghäuser Schlucht sowie der Dörenschlucht stattgefunden hätte, vertritt auch der Amateurforscher Rolf Bökemeier in seinem Buch Die Varusschlacht. Er setzt sich dabei unter anderem mit der Kalkrieseforschung auseinander und stellt dieser gegensätzliche Forschungserkenntnisse gegenüber (einschließlich Grabungsergebnissen, Luftbildanalysen und topografischen Untersuchungen). Unter anderem spekuliert er über die Vorbereitungen und den taktischen Verlauf der Schlacht sowie die Lokalisierung der stützpunktartigen Stellungssysteme der beteiligten Germanen.

Andere Lokalforscher verlegen den Ort der Schlacht zum Beispiel in den Harz, in die Nähe von Halberstadt nach Hildesheim (Hildesheimer Silberfund), ins Sauerland, oder ins niederländische Achterhoek.

Unter „Kalkriese-Befürwortern“ ist die Hauptauseinandersetzung die Frage des Anmarschweges: Die Darstellung im Kalkrieser Museum spricht von einem Marschweg direkt von Minden aus, der also vollständig nördlich des Wiehengebirges verlief. Dieser Weg wurde – allerdings in einem nicht mehr vertretbaren Zusammenhang – bereits von Theodor Mommsen erwogen, hat aber auch den Vorteil, dass man in den „4 Tagen“, die Cassius Dio angibt (siehe oben) tatsächlich von der Weser, wo dieser die Römer verortet (56.18.5), bis Kalkriese hätte gelangen können.

Allerdings muss man dann Dio in einer anderen Frage ignorieren, nämlich seine Beschreibung des „dichten Waldes“, in dem die Römer überfallen wurden, einen Wald, den es nur südlich der Berge gegeben haben kann. Man erklärt sich im Museum, den Althistorikern Horst Callies und Rainer Wiegels folgend,[12] diesen Widerspruch mit der Argumentation, es handele sich hierbei um Topoi, also in etwa um Stereotypen, wonach jeder Römer ganz Germanien undifferenziert als einen finsteren, nassen Bergwald betrachtet habe, welche Bilder Dio lediglich bedient habe, ohne auf die wirklichen Umstände geachtet zu haben. Dem wird von den Göttinger Historikern Gustav Adolf Lehmann und Boris Dreyer erwidert, die Beschreibung sei differenziert genug (Ausbruch aus dem Wald ins offene Gelände, dann Wiedereintritt in den Wald), um glaubwürdig zu sein.

Auch wird, z. B. von Dreyer, vermutet, den letzten Römern sei der Durchbruch gelungen und sie seien später am „4. Tag“ erst weiter westlich aufgerieben worden. In englischsprachigen Publikationen wird gar darüber spekuliert, ob der ursprüngliche Überfall nicht in Kalkriese stattgefunden habe, wobei die Armee dann entweder sofort, in wenigen Stunden, aufgerieben worden sein soll (Peter Wells, siehe Buch unten), oder erst einige Tage später, vielleicht an der Ems, vernichtet wurde (Jona Lendering, siehe Link unten). Diese Theorien sind dem Widerspruch ausgesetzt, die Falle von Kalkriese wäre bestenfalls für eine deutlich angeschlagene, nicht aber für eine frische, gerade erst angegriffene Armee gefährlich gewesen. Die Länge des Walls – weniger als 500 m – hätte zudem nicht ausgereicht, um den Überfall über die langausgezogene Marschkolonne zu ermöglichen.

Die Varusschlacht und die deutsche Identität

In der Frage, was die Identität der Deutschen ausmache, hat die Varusschlacht vom 16. bis Mitte des 20. Jahrhunderts eine große Rolle gespielt. Ausgangspunkt waren die wiederentdeckten Schriften des Tacitus (1455 die Germania, 1507 die Annalen). Das Lob des römischen Historikers auf die Germanen erlaubte vor allem in den Augen der deutschen Gelehrten des Humanismus, damit dem Vergleich mit den anderen großen Kulturnationen der Antike standzuhalten. So ordnete schon 1529 Ulrich von Hutten dem Cheruskerfürsten Arminius den Ehrenplatz als erster Vaterlandsverteidiger zu und stellte ihn neben die drei großen Feldherren der Antike – Alexander den Großen, Hannibal und Scipio den Älteren. Damit begann der Arminius-Kult in der deutschen Literatur, der sich über Lohenstein, Wieland und Klopstock bis zu Kleist und Grabbe erstreckte.

Der Dreißigjährige Krieg hatte ein wirtschaftlich schwaches und politisch zerstückeltes Deutschland zurückgelassen. In den Augen der Nachbarn – insbesondere der Franzosen – war Deutschland im 17. und 18. Jahrhundert eine „nation barbare“; kulturunfähig, politisch zerrissen und ökonomisch rückständig. Die Varusschlacht war der – deutsche – Gegenbeweis dazu: Eine Nation, die sich einigt und mutig dem übermächtigen Eroberer entgegentritt und ihn – im Gegensatz zu den Franzosen, die mit Vercingetorix und der Schlacht bei Alesia unterlagen – vernichtend schlägt. Die deutsche Literatur vor allem des 18. Jahrhunderts deutschte den Cherusker Arminius in Hermann ein und widmete ihm, seinem Liebesdrama zu Thusnelda und seinem Befreiungskampf zahllose Opern und Theatertragödien. Schlegel schrieb über Arminius:

„Du, Herman, hast gewählt, wie große Herzen wählen,
Und liebest mehr, als dich, die Freyheit deutscher Seelen“

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Bild:Hermannsdenkmal.jpg
Im Teutoburger Wald erinnert das Hermannsdenkmal an die Varusschlacht

Kleist schrieb 1808 unter dem Eindruck der französischen Besatzung sein Drama „Hermannsschlacht“, das aufgrund seiner vaterländischen Tendenzen jedoch erst 1860 uraufgeführt wurde, dann aber zum nationalen Festspiel avancierte. Noch zu Beginn des Ersten Weltkriegs verlas man im Berliner Schillertheater zwischen den Akten dieses Dramas Siegesmeldungen von der französischen Front. Und Kaiser Wilhelm II. verkündete zu Beginn des Ersten Weltkriegs: „Noch nie ward Deutschland überwunden, wenn es einig war.“

Kleists Hermannsschlacht wurde auch von den Nationalsozialisten zur Untermauerung ihrer Ideen missbraucht. So wurde eine Aufführung des Harzer Bergtheaters von Thale im Jahre 1933 bezeichnet als:

„… die Aufführung des Freiheitsschauspiels von der Einigkeit und Macht der deutschen Stämme im Kampf gegen den römischen Unterdrücker und dem gerade in heutiger Zeit so symbolhaft wirkenden Ausklang der Wahl eines großen Mannes zum Führer der geeinten Nation.“

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Auch das sieben Meter lange Schwert auf dem 1838 begonnenen und 1875 eingeweihten Hermannsdenkmal trägt die Inschrift: „Deutsche Einigkeit meine Stärke – meine Stärke Deutschlands Macht“. Hinrich Seeba schrieb über dieses Denkmal:

„Der Cheruskerfürst ist, in Stein gemeißelt und im Teutoburger Wald aufgestellt, nur noch ein Denkmal, das nicht Deutschlands Größe am Anfang seiner germanischen Geschichte neun Jahre nach Christi Geburt, sondern die Fixierung des 19. Jahrhunderts auf den Mythos der deutschen Identität dokumentiert.“

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Einen Kontrapunkt zu der begeisterten Deutschtümelei setzte, wie so oft, Heinrich Heine wenige Jahre nach dem Baubeginn am Hermannsdenkmal (zu dem er selbst seinen finanziellen Beitrag geleistet hatte: hab selber subskribieret). Treffsicher zieht er das nationale Pathos ins Lächerliche:

„Das ist der Teutoburger Wald, / Den Tacitus beschrieben, / Das ist der klassische Morast, / Wo Varus steckengeblieben. / Hier schlug ihn der Cheruskerfürst, / Der Hermann, der edle Recke; / Die deutsche Nationalität, / Die siegte in diesem Drecke. … “

Deutschland. Ein Wintermärchen, cap. 11

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Auch Viktor von Scheffel bediente sich des Themas und machte sich in seinem Lied „Als die Römer frech geworden…“ (1847, vertont von Ludwig Teichgräber 1875) die Deutschtümelei seiner Zeit zu eigen. Das Lied wurde sehr populär und wird auch heute noch gerne zitiert und gesungen.

Im Originaltext des Niedersachsenliedes, welches als inoffizielle Hymne der Niedersachsen bezeichnet wird und etwa 1926 von Herman Grote komponiert wurde, wird der Sieg über die Römer ebenfalls heroisch dargestellt:

„Wo fiel'n die römischen Schergen?
Wo versank die welsche Brut?
In Niedersachsens Bergen,
An Niedersachsens Wut
Wer warf den römischen Adler
Nieder in den Sand?“

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„Die Hermannsschlacht“ im Kino

Bereits dreimal wurde die Hermannsschlacht oder Varusschlacht für das Kino adaptiert: Das erste Mal in den Jahren 1922 und 1923 als Stummfilm unter dem Titel Die Hermannschlacht. Regie führte Leo König, gedreht wurde unweit des Hermannsdenkmals bei den Externsteinen. Am 27. Februar 1924 kam dieses von der Kritik meist als nationalistisch empfundene Opus im Lippischen Landestheater, Detmold zur Aufführung. Lange galt es als verschollen. Erst nach dem Ende der Sowjetunion wurde es in einem Moskauer Filmarchiv wieder entdeckt.

Die zweite Verfilmung des Stoffs erschien 1977 unter dem deutschen Titel Hermann der Cherusker – Die Schlacht im Teutoburger Wald. Es handelt sich um eine deutsch-italienisch-jugoslawische Co-Produktion, die in den übrig gebliebenen Kulissen anderer Antikenfilme in Zagreb unter der Regie Freddy Baldwins (Pseudonym für Ferdinando Baldi) realisiert wurde. Obwohl dieses Werk bereits in den 1960er mit Hans von Borsody als Hermann gedreht wurde, dauerte es zehn Jahre bis zur Deutschland-Premiere, die am 3. Februar 1977 stattfand.

In den Jahren 1993-1995 entstand die dritte Umsetzung für das Kino. Produzenten und Autoren dieser Fassung waren Christian Deckert, Hartmut Kiesel, Christoph Köster, Stefan Mischer und Cornelius Völker. Die Hermannsschlacht wurde im Teutoburger Wald und im Rheinland realisiert. Neben Bühnenschauspielern und Hunderten von Laien treten in diesem Spielfilm auch die Künstler Markus Lüpertz, Tony Cragg und Alfonso Hüppi und der Kunsthistoriker Werner Spies als Akteure auf. Die Hermannsschlacht wurde im Mai 1995 in Düsseldorf uraufgeführt und erschien 2005 auf DVD, in einer um Dokumentarmaterial erweiterten und von dem Altphilologen Werner Broer und dem Archäologen Martin Schmidt begleiteten Edition.

Siehe auch

Literatur

  • Frank Berger: Aktuelle Varusschlachten. In: Numismatisches Nachrichtenblatt. 53/2004, S. 267–273 (auch als online-Version).
  • Frank Berger: Kalkriese. – 1. Die römischen Fundmünzen. Von Zabern, Mainz 1996 ISBN 3-8053-1917-7
  • Rolf Bökemeier: Die Varusschlacht. Grabert-Verlag, 2000, ISBN 3-87847-190-4
  • Wilm Brepohl: Neue Überlegungen zur Varusschlacht. Aschendorff, Münster 2004, ISBN 3-402-03502-2
  • Tony Clunn: Auf der Suche nach den verlorenen Legionen. Rasch, Bramsche 1998, ISBN 3-932147-45-6
  • Hans Delbrück: Geschichte der Kriegskunst. Band 2: Die Germanen. Berlin 1901 (Die wissenschaftlichen Interpretationen sind zwangsläufig veraltet; Delbrück gibt aber die Primärtexte von Cassius Dio, Velleius Paterculus, Florus und Tacitus zur Varusschlacht in deutscher Übersetzung wieder.)
  • Mamoun Fansa (Hrsg.): Varusschlacht und Germanenmythos. Eine Vortragsreihe anlässlich der Sonderausstellung Kalkriese – Römer im Osnabrücker Land in Oldenburg 1993. 3. Auflage. Isensee, Oldenburg 2001 (Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland, Beiheft 9) ISBN 3-89598-235-0
  • Gisela Graichen: Wo Arminius die Römer schlug. In: Gisela Graichen, Hans Helmut Hillrichs (Hrsg.): C 14 – Vorstoß in die Vergangenheit. Archäologische Entdeckungen in Deutschland. Goldmann, München 1999 ISBN 3-442-15043-4 (Populärwissenschaftliche Darstellung)
  • Joachim Harnecker: Arminius, Varus und das Schlachtfeld von Kalkriese. Eine Einführung in die archäologischen Arbeiten und ihre Ergebnisse. 2. Auflage. Rasch, Bramsche 2002 ISBN 3-934005-40-3
  • Ralf Günter Jahn: Der Römisch – Germanische Krieg (9–16 n. Chr.). Dissertation. Bonn 2001
  • Dieter Kestermann (Hrsg.): Quellensammlung zur Varus-Niederlage Horn ISBN 3-88080-063-4
  • Hansulrich Labuske (Hrsg.): Von Tacitus bis Ausonius. (2. bis 4. Jh. u. Z.). Akademie Verlag, Berlin 1991 (Griechische und lateinische Quellen zur Frühgeschichte Mitteleuropas bis zur Mitte des 1. Jahrtausends u.Z, Band 3), ISBN 3-05-000571-8 (In dieser Sammlung findet man die römischen Quellen zur Varusschlacht)
  • Stefan Mischer et al.: Die Hermannsschlacht. DVD, Spielfilm, Dokumentation, Interviews und Leporello, Hamburg 2005
  • Wolfgang Schlüter (Hrsg.): Römer im Osnabrücker Land. Die archäologischen Untersuchungen in der Kalkrieser-Niewedder Senke. Rasch, Bramsche 1991, ISBN 3-922469-57-4
  • Wolfgang Schlüter: Archäologische Zeugnisse der Varusschlacht? Die Untersuchungen in der Kalkrieser-Niewedder Senke bei Osnabrück, in: Germania 70, 1992, S. 307-402.
  • Wolfgang Schlüter (Hrsg.): Rom, Germanien und die Ausgrabungen von Kalkriese. Internationaler Kongress der Universität Osnabrück und des Landschaftsverbandes Osnabrücker Land e.V. vom 2. bis 5. September 1996. In: Osnabrücker Forschungen zu Altertum und Antike-Rezeption 1. Osnabrück 1999, ISBN 3-932147-25-1
  • Mathias Wallner und Heike Werner: Architektur und Geschichte in Deutschland. S. 10-11, München 2006, ISBN 3-9809471-1-4
  • Udo Weilacher: Spuren in Stahl. Museumspark Varusschlacht in Bramsche-Kalkriese. In: Udo Weilacher: In Gärten. Profile aktueller europäischer Landschaftsarchitektur. Birkhäuser, Basel 2005, ISBN 3-7643-7084-X
  • Peter S. Wells: Die Schlacht im Teutoburger Wald. Artemis & Winkler, Düsseldorf/Zürich 2005, ISBN 3-7608-2308-4
  • Rainer Wiegels, Winfried Woesler (Hrsg.): Arminius und die Varusschlacht. Geschichte – Mythos – Literatur. Schöningh, Paderborn 1995, ISBN 3-506-79751-4 (darin u.a.: Heinrich Seeba: Hermanns Kampf für Deutschlands Not; Renate Stauf: Germanenmythos und Griechenmythos als nationale Identitätsmythen; Wolfgang Wittkowski: Arminius aktuell: Kleists Hermannsschlacht und Goethes Hermann)
  • Rainer Wiegels (Hrsg.): Die Varusschlacht. Wendepunkt der Geschichte? (Archäologie in Deutschland, Sonderheft)

, mit Beiträgen von Rainer Wiegels, Armin Becker, Johann-Sebastian Kühlborn, Günther Moosbauer u. a., ISBN: 9783806217605

  • Reinhard Wolters: Hermeneutik des Hinterhalts. Die antiken Berichte zur Varuskatastrophe und der Fundplatz von Kalkriese. In: Klio. 85/2003, S. 131–170 (Wolters zählt zu den prominentesten Kritikern der Annahme, die Funde bei Kalkriese stünden in Zusammenhang mit der Varusschlacht).

Für die Rezeptionsgeschichte wichtig ist:

  • Christian Dietrich Grabbe: Die Hermannsschlacht. In: Rudolf Gottschall (Hrsg.): Christian Dietrich Grabbe's sämmtliche Werke. Reclam, Leipzig 1870. (Drama von 1838, digitale Rekonstruktion: UB Bielefeld)

Weblinks

Museen

Quellen / Karten / Materialien

Rezeption

Weitere Lokalisierungstheorien

Anmerkungen

  1. Werner Eck, Augustus und seine Zeit, München 2003, S. 97.
  2. Dieter Timpe, Arminiusstudien, S. 113.
  3. Ralf Günter Jahn, Der Römisch-Germanische Krieg, S. 286.
  4. Ralf Günter Jahn, a. a. O., S. 286.
  5. Dio 56,24,6.
  6. Ralf Günter Jahn, a. a. O., S. 195.
  7. Vell 2,120,2.
  8. Reinhard Wolters, Römische Eroberung und Herrschaftsorganisation, S. 228f.
  9. Dietmar Kienast, Augustus, S. 374f.
  10. Vell.2,121,1.
  11. Dietmar Kienast, Augustus, S.375.
  12. Vergleiche Rainer Wiegels: Kalkriese und die literarische Überlieferung zur clades Variana, in: Wolfgang Schlüter/Rainer Wiegels (Hrsg.), Rom, Germanien und die Ausgrabungen von Kalkriese, Osnabrück 1999, S. 637–674, hier S. 652.

Koordinaten: Kalkriese 52° 24′ 29″ N, 8° 7′ 46″ O

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