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Rezeptionsästhetik
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Rezeptionsästhetik, auch Wirkungsästhetik, ist eine literaturtheoretische Schule (auch Konstanzer Schule genannt), die eine Textinterpretation unter besonderer Blickwendung auf den (impliziten) Leser in das Zentrum des Forschungsinteresses rückte.
Problemstellung
Hans Robert Jauß stellt 1967 fest, dass in der Textinterpretation bisher eine wesentliche Instanz vernachlässigt wurde: der Leser (Rezipient). Der "ästhetische Gehalt" eines Textes werde erst im Vorgang des Lesens, so Wolfgang Iser mit der eher "wirkungsästhetischen" Variante der Konstanzer Schule, hervorgebracht.
Bedeutung entfalte der Text als Kommunikation mit einem "impliziten Leser" - einer im Text selbst angelegten Position des angesprochenen Lesers. Zuweilen liest man auch vom "professionellen Leser". Es geht mit diesen Entscheidungen nicht um historisch nachweisbare Leser. Die ersten Leser eines Romans mögen vielleicht kaum etwas von dem begreifen, was der Autor für "seinen" Leser im Text angelegt hat. Die Literaturwissenschaft hat hier die Aufgabe, über den Text gründlicher nachzudenken und auszuloten, was er für seinen Leser anbietet.
Die Rezeptionsästhetik, respektive Wirkungsästhetik, erwies sich mit diesen Setzungen schnell als Fortsetzung bestehender Interpretationspraxis. Jauß und Isers Untersuchungen waren vom Kommunikationsmodell mit (entschlüsselndem) Empfänger geprägt. Sie postulierten, dass die Instanzen dieses Modells letztlich mit der Textbedeutung gegeben seien. Die Literaturwissenschaft erhielt mit den Setzungen eine privilegierte Position: Sie kann Bedeutungen entfalten, die reale Leser bislang nicht entfalteten - dann wenn sie nachweist, welches ästhetische Erlebnis der Sender dem Rezipienten vorgestaltete. Mit poetologischer Expertise und Wissen über Zeithorizonte kommt die Literaturwissenschaft hier realen Lesern zu Hilfe. Sie erlangt auf der anderen Seite neue Kontrolle. Sie kann durchaus zu dem Schluss kommen, dass der Autor nicht an einen Leser dachte, der diese oder jene neue Interpretation wagt - und diesem Leser damit sagen, dass er hier sein eigenes Spiel spielt - ein wissenschaftlich nicht haltbares.
Eine historische Leserforschung zogen die Arbeiten der Konstanzer Schule am ehesten im Widerstand, den sie hervorriefen, nach sich. Die Frage nach historischen Zeugnissen des Umgangs mit Texten, nach tatsächlichen Rezeptionszeugnissen, nach Tagebucheinträgen von Lesern, nach Briefen, aus denen ersichtlich wird, wie Texte gelesen wurden, stellte sich weit eher in der Literatursoziologie und der Buchwissenschaft. Vertreter der Konstanzer Schule notierten hierin eine drohende Einengung der Forschung, ihre Beschränkung auf zufällige Dokumente und deren zeitbedingte Perspektiven. Ein Stillstand der Forschung drohe hier, wo die Ergründung noch zu gar nicht realisierter Textbedeutung das Ziel bleiben müsse.
Wichtige Publikationen
- Horst Turk: Wirkungsästhetik. Theorie und Interpretation der literarischen Wirkung. München: edition text 1976.
- Umberto Eco: Lector in fabula - Die Mitarbeit der Interpretation in erzählenden Texten, München (3. Auflage) 1998
- Roman Ingarden: Vom Erkennen des literarischen Kunstwerks. Tübingen 1968.
- Wolfgang Iser: Die Appellstruktur der Texte, in: R. Warning (Hg.): Rezeptionsästhetik, München (4. Auflage) 1994, S. 228-252.
- Hans Robert Jauß: Literaturgeschichte als Provokation der Literaturwissenschaft, in: R. Warning (Hg.): Rezeptionsästhetik, München 41994, S. 126-162.
- Ulrich H.J. Körtner: Der inspirierte Leser, Göttingen 1994
- Harald Weinrich: Für eine Literaturgeschichte des Lesers, in ders.: Literatur für Leser, Stuttgart 1970, S. 23-34.
Siehe auch
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