Massenpanik

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Massenpanik bezeichnet die Entstehung von panischen Fluchtbewegungen in Menschenmassen. Als charakteristisch gelten irrationales und/oder rücksichtslos egoistisches Verhalten. Auch lawinenartige Aktienverkäufe an der Börse werden im übertragenden Sinn mit dem Begriff belegt. („Flucht aus einer Aktie“)

Inhaltsverzeichnis

Vorkommen des Phänomens

Nach aktuellem Forschungsstand tritt eine Massenpanik nur im Verlauf eines sehr geringen Anteils von Massenunglücken auf. „Massenpanik“ wird als Begriff medial somit häufig synonym für „Massenunglück“ benutzt.

Der Eindruck, dass sich heute relativ häufig Massenunglücken ereignen, beruht teils auf Täuschung. Durch vermehrte weltweite Berichterstattung wird ein größerer Anteil erfasst.

Die Häufigkeit der Vorfälle, zumal solcher mit einer gravierenden Anzahl von Todesfällen, hat sich aber tatsächlich erhöht. Denn die gesteigerte Mobilität weiter Bevölkerungsteile weltweit führt neben dem ständig wachsenden Zustrom und Geburtenwachstum besonders in den städtischen Ballungszentren zu einem immer weiter steigenden Verkehrsaufkommen. Wo Engpässe mit hoher Menschendichte auf engem Raum eintreten, können schon kleine Anlässe große Folgen haben. Beispiele:

  • kenternde Fähr-Schiffe, weil viele Menschen gleichzeitig eine Bordseite aufsuchen;
  • Brücken als Engstellen: wie im Irak am 31. August 2005, als das Gerücht über Attentäter eine Massenpanik mit vielen hundert zu Tode Getrampelten auslöste;
  • Pilgerzüge: 244 Hadsch-Pilger starben bei Massenpanik am 13. Dezember 2004 in Mekka an einer bekannten Engstelle;

Es ist mitunter schwierig abzugrenzen, ob ein gefährlicher Zustand in einer Menschenmenge zu einer Massenpanik geführt hat, oder ob eine Massenpanik einen gefährlichen Zustand herbeigeführt hat. Im ersteren Fall wäre Panik im Sinne von „große Angst“ eine verständliche Reaktion auf eine anderweitig herbeigeführte Gefahr. Im zweiten Fall, hätte man die Gefahr vollständig verhindern können, wenn es gelungen wäre den psychologischen Zustand der Panik und damit die Folgen zu verhindern.

Massenpanik in der Fauna

Bei Herdentieren wie Rindern oder Antilopen gibt es das Phänomen der Stampede, welches in seiner Dynamik gängigen Vorstellungen von Massenpanik weitgehend entspricht. Die Deutung von Stampeden als aus evolutionärer Sicht angepasstes Schutzverhalten in Gegenwart von Beutegreifern, lässt sich jedoch nicht auf den Menschen übertragen, da menschliche Individuen zu leicht sind, um als sich bewegende Gruppe alleine durch ihre Bewegung Schutz zu erzeugen. Man muss daher davon ausgehen, dass der psychologische Zustand, in dem sich Stampede-Tiere befinden, beim Menschen nicht existiert. Menschliche Panik und Stampeden sind somit strikt zu trennen.

Kritik am bisherigen Konzept „Massenpanik“

Der Eindruck, dass allein durch das Zusammenkommen großer Zahlen von Menschen an einem Ort eine Panik ausgelöst werden könnte, ist empirisch nicht gesichert. Die in diesem Zusammenhang angeführten Beispiele sind nahezu immer mit einem auslösenden Ereignis verbunden (z. B. Feuer), das für den Einzelnen eine unmittelbare Gefahr darstellt. Sime[1] kritisiert, dass der Begriff Panik für Verhaltensweisen verwendet wird, die aus der subjektiven Perspektive rational sind und nur bei einer äußeren Betrachtung, mit zusätzlichen Informationen, die dem Betroffenen in der Situation nicht zur Verfügung standen, als irrational erscheint.

Auch die Vorstellung einer Massenseele (Gustave Le Bon: Psychologie der Massen, 1895 oder Sigmund Freud: Massenpsychologie und Ich-Analyse, 1921) ist umstritten[2][3]. Siehe auch: Masse (Soziologie).

Schließlich wurde die Reaktion von Menschen in Gefahrensituationen empirisch untersucht. Es stellte sich heraus, dass die meisten Menschen weder egoistisch noch unüberlegt reagieren[4] (siehe auch Eintrag Panik).

Verhalten bei Massenpanik

Starkes Gedränge oder Katastrophen mit vielen Beteiligten können eine „Massenpanik“ auslösen, die mit unkontrollierter Angst und massiven Fluchtbewegungen einhergeht. In einer solchen Situation gibt es nur wenige Interventionsmöglichkeiten. Am besten ist Panik in ihrer Entstehungsphase zu beeinflussen. Doch selbst nach deren Ausbruch lassen sich Menschen durch gezielte, klare und strukturierte Aufforderungen und Informationen erreichen. Dies kann z. B. durch laute Lautsprecherdurchsagen oder durch Abläufe geschehen, die Gelassenheit demonstrieren (z. B. Fortsetzung eines Fußballspieles) z. B. in Sheffield oder Brüssel 1980. Auch Aufmerksamkeit erweckende Interventionen (z. B. ein schriller Pfeifton) oder das Stellen einfacher Aufgaben können eine panische Menge erreichen (z. B.: „Achten Sie auf Kinder!“).

Entscheidend ist es, Kommunikation (wieder) herzustellen und die Selbstkompetenz des Einzelnen zu aktivieren. Die Verantwortlichen sollten bei einer Massenpanik sachlich und nüchtern wirken. Ihre Informationen sollten klar, eindeutig und wahrheitsgemäß sein. Mit den beschriebenen Interventionen kann es durchaus gelingen, die Erregung der Betroffenen zu dämpfen. Zwar ist es unmöglich, eine Massenpanik übungshalber zu simulieren, doch zumindest bereitet die geistige Auseinandersetzung mit möglichen Katastrophen die Verantwortlichen darauf vor, gelassener, ruhiger und mit mehr Übersicht auf unvorhergesehene Ereignisse zu reagieren.

Unglücksfälle in der Vergangenheit (Beispiele)

Hillsborough-Stadion in Sheffield

Das Unglück im Hillsborough Stadion im englischen Sheffield ereignete sich am 15. April 1989. Dort kamen bei einem Gedränge vor dem Stadion 96 Menschen ums Leben.

Heysel-Stadion in Brüssel

Am 29. Mai 1985 spielten der FC Liverpool und Juventus Turin im Finale des Europapokals der Landesmeister gegeneinander im Heysel-Stadion. Die belgischen Behörden hatten ein Kontingent an Eintrittskarten für "neutrale" Fans reserviert. Viele dieser Karten wurden offenbar von in Brüssel lebenden italienischen Anhängern von Juventus Turin gekauft.

Ein Drahtzaun sollte die Anhänger des FC Liverpool von den neutralen Rängen trennen. Ein Teil der Liverpool-Fans drängte in Richtung der Juventus-Fans, die sich dort aufhielten. Diese flüchteten und eine Haltemauer stürzte ein. In dem entstehenden Chaos wurden viele Juventus-Fans zu Tode getrampelt oder erdrückt. Bei dem Unglück kamen 39 Menschen ums Leben. Darüber hinaus wird der Polizei der Vorwurf gemacht, überfordert gewesen zu sein, zu spät reagiert zu haben und deshalb eine Mitschuld am Ausgang der Ereignisse zu tragen. Trotz des schweren Unglücks wurde das Spiel angepfiffen. Es wurde befürchtet, dass eine Absage weitere Ausschreitungen mit sich bringen könnte.

Dieses Unglück ist ein Beispiel dafür, dass eine externe Gefahr (aggressive Hooligans) zu einem gefährlichen Zustand (sehr hohe Dichte) in der Menschenmenge geführt hat. Sowohl die Angst vor der Aggression, wie auch die Angst, die in der sich daraus ergebenden sehr dichten Menge entstand, sind vollständig nachvollziehbar. Videoaufnahmen zeigen, wie die zusammengedrängten Fans nur noch passiv von der sie umgebenden Menge geschoben wurden. Von egoistischem oder irrationalem Verhalten zu sprechen, ist daher nicht möglich, weil schon ein Verhalten im Sinne von „aus mehreren möglichen Handlungsweisen eine auswählen und ausführen“ nicht mehr möglich waren. „Massenpanik“ im oben beschriebenen Sinn, trat bei diesem Unglück somit ausschließlich als Konsequenz, nicht jedoch als eigenständige Gefahrenquelle auf.

Literatur

  • Gerd Motzke: "Verkehrssicherheit in Fußballstadien : Forderungen der Panikforschung an der Schnittstelle zwischen Bauordnungsrecht und Privatrecht mit Auswirkungen auf die Planung". In: Neue Zeitschrift für Baurecht und Vergaberecht. - 5 (2004), Bd. 5 (2004), 6, S. 297 - 303
  • F.G. Pajonk: "Massenphänomene bei Großschadensereignissen – Panik als seltene Erscheinungsform". In: Der Notarzt 2002 (18) 146-151
  • Fritz Stiebitz: "Polizeieinsätze in Fußballstadien". 1. Aufl. Verlagsanstalt Deutsche Polizei, Hilden/Rhld. 1979. 94 S. ISBN 3-8011-0100-2

Referenzen

  1. . J. Sime "The concept of panic" in D. Canter (ed) Fires and Human Behavior (1981)
  2. . Peter R. Hofstätter Gruppendynamik : Kritik der Massenpsychologie. Rowohlt, Reinbek, (1990). Hier wird v.a. Le Bons Deindividuationstheorie kritisiert.
  3. . E. L. Quarantelli "The Sociology of Panic" in Smelser and Baltes (eds) International Encyclopedia of the Social and Behavioral Sciences (2001).
  4. . L. Clarke "Panic: Myth or Reality?" Contexts Magazine.

Weblinks

wikt:
Wiktionary
Wiktionary: Panik – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme und Übersetzungen
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