Das Kefk Network Wiki befindet sich im Testbetrieb.
Amerikanologie
Aus Kefk.
Amerikanologie ist eine zumindestens im deutschen Sprachraum neue, hauptsächlich sozialwissenschaftliche Herangehensweise an den amerikanischen Doppelkontinent, die diesen Kontinent als historisch-ethnologisch-politologischen Ereignisraum betrachtet. Mit dem Begriff "Ereignisraum" soll die "Geophilosophie" nach Deleuze/Guattari wiedergegeben werden. Dies betrifft insbesondere deren anti-essentialistische Herangehensweise (siehe Essentialismus).
Vorläufer und Grundlagen der Amerikanologie
Die "klassischen" sozialwissenschaftlichen Arbeiten, aus denen sich die Amerikanologie als Diskurs entwickelt hatte, sind unter anderem Darcy Ribeiro
- O Processo Civilizatório, 1968 (deutsch Der zivilisatorische Prozess, Frankfurt am Main 1971)
- As Américas e a Civilização, 1969 (deutsch Amerika und die Zivilisation, 1985).
Das letzte Werk ist sein berühmtestes, da darin seine Konfigurationstheorie ausgeführt wird, die dann in derart renommierten Journals wie "Current Anthropology" erschien. Um diese doch etwas bejahrte Konfigurationstheorie in der gebotenen Kürze zeitgemäß zu formulieren: Die Umstände, die den Charakter der heutigen amerikanischen Gesellschaften bedingen, sind nach dem Ansatz von Ribeiro historisch entstanden, da die Grundlagen dieser Entwicklung im Moment der europäischen Invasion in Amerika geschaffen wurden. Die heutigen Gesellschaften Amerikas sind tendenziell davon determiniert, wie die Europäer mit den Indigenen umgegangen sind: Das Szenario des "clash of civilizations" -- das im 16. Jahrhundert nun stattgefunden hatte -- war regional unterschiedlich. Wie dieser aber konkret ablief (Kolonialismus, Mischehen oder Ausrottung) determinierte die Entwicklung der spezifisch amerikanischen Gesellschaften. Die Grundmuster der Entwicklungslinien typologisiert Ribeiro als
- pueblos testimonios: Die Volkskultur der amerikanischen Hochkulturen lebt weiter (Mesoamerika und Anden)
- pueblos nuevos: Es entstand eine neue "clasa popular" durch Mischehen, der jedoch stand die Aristokratie des spanischen oder portugiesischen Empires gegenüber. (Paraguay, Brasilien)
- pueblos transplantados: Die Indígenas haben als Individuen keinen Rechtsstatus sondern nur als "dependent nations" (USA) und werden, soferne nicht ausgerottet, in Reservate gesperrt.
- pueblos emergentes: entstanden aus "displaced persons" als Opfer der merkantilen Revolution. Die "displaced persons" entwischten dem Kolonialsystem und machten dann ihre eigene Kultur unabhängig auf, betrifft die zur Zwangsarbeit deportierten Afrikaner (Sklaven) (Marroons, Quilombos etc.)
Dazu muss gesagt werden, dass in der lateinamerikanischen Ethnologietradition "Kultur" nicht essentialistisch begriffen wird, sondern als kreative Aufgabe (Ribeiro prägte dafür den Begriff "creadividade cultural" ... der zergeht auf der Zunge, wie der Rohrzucker eines Caipirinhas, im Vergleich mit dem Schindluder, der in der Alten Welt mit dem Begriff Kultur schon betrieben wurde). Nach amerikanologischem Ansatz charakterisiert diese Typologisierung die vorgefundenen historischen Bedingungen, unter denen Menschen politisch oder sonst wie handeln können ('agency').
Paradigma und Methode der Amerikanologie
Die Amerikanologie nutzt diese Ansätze von Ribeiro als paradigmatische Orientierung (nicht etwa als "heiligen Text"). Die grundlegende Herangehensweise der Amerikanologie beruht daher auf der Tatsache, dass es genauso amerikanische Hochkulturen (das Aztekenreich, Mayas, und das Inkareich) gegeben hat, deren Traditionen, wie erwähnt, bis heute in der "cultura popular" fortbestehen. Aus weiteren Folgerungen aus der Konfigurationsanalyse amerikanischer Gesellschaften von Ribeiro kommen wir zu folgenden Axiomen:
- Amerika ist eine geographisch-soziale Tatsache und kein Begriff.
- Begriffe wie "Lateinamerika" spiegeln nur die halbe soziale Realität wieder (sprechen die Indígenas Latein? Und die Mestizen?),
- Begriffe wie Angloamerika sind militärisch konstruiert (weil die Indígenas militärisch dezimiert und hinterher in Reservaten domestiziert wurden).
- Amerika ist NICHT nur die USA.
- Die Geschichte Amerikas beginnt mit der Einwanderung der Menschen über die Beringstrasse. Ob diese Geschichte nun mit den Methoden der Urgeschichte, der Frühgeschichte (z.B. für die Inka: Maria Rostworowski de Diez Canseco[1]) oder die normale "rankeanische" Geschichte betrifft, ist für die Tatsache der Geschichte unerheblich, dies ist eine Methodenfrage.
Durch die Notwendigkeit eines holistischen Ansatzes orientiert sich daher die Amerikanologie stark am Paradigma der Sinologie. Dies betrifft insbesondere die interkulturelle Methodologie, für deren Anwendbarkeit für die Gesellschaften des amerikanischen Doppelkontinentes Hanns-Albert Steger seit längerem bahnbrechende Einsichten erarbeitet hatte.
Forschungseinrichtungen der Amerikanologie
Für die Amerikanologie gibt es ein eigenes Institut, das Institut für Amerikanologie, das vom Forschungs- und Kulturverein für Kontinentalamerika und die Karibik (KonaK) in Wien betrieben wird. Derzeit entsteht eine wissensbasierte Datenbank für Amerikanologie, die von der Republik Österreich mit dem Theodor Körner Preis ausgezeichnet wurde.
