Portal ›Zwangsarbeit 1939-1945: Erinnerungen und Geschichte‹
Ein digitales Archiv für Bildung und Wissenschaft - 600 ehemalige Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus 26 Ländern erinnern sich
Das Online-Archiv zum Thema Zwangsarbeit im nationalsozialistischen Deutschland wurde im Januar 2009 der Öffentlichkeit vorgestellt. Das Portal ›Zwangsarbeit 1939-1945‹ trägt zur Erinnerung an die über zwölf Millionen Menschen, die für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit geleistet haben, bei. 590 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen aus 26 Ländern erzählen ihre Lebensgeschichten in 398 Audio- und 192 Video-Interviews.
Das Online-Archiv wurde seit 2004 vorbereitet. 32 Teams internationaler Institutionen nahmen insgesamt 2000 Bänder mit den Erinnerungen ehemaliger Zwangsarbeiter auf. 2007 konnte die Kooperation zwischen der Stiftung EVZ und der Freien Universität Berlin zur Erschließung der Interviews unterzeichnet werden. Seitdem werden von einem wissenschaftlichen Team unter der Leitung von Prof. Dr. Gertrud Pickhan und Prof. Dr. Nicolas Apostolopoulos die Audio- und Videobänder verschlagwortet, digital archiviert und das Online-Archiv realisiert.
- "Viele Überlebende aus Mittel- und Osteuropa haben in den nun vorliegenden Interviews erstmals über das Erlittene und die oftmals schwere Zeit nach 1945 berichtet. Die Stiftung EVZ will mit dem von ihr geförderten Online-Archiv zur Zwangsarbeit die Erinnerungen dieser NS-Opfer wach halten und sie zugleich jungen Menschen und Wissenschaftlern für die politische Bildung und Forschung nutzbar machen.", erklärte der Vorstand der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" (EVZ), Günter Saathoff, auf einer Pressekonferenz am Donnerstag in Berlin.
Abrufbar sind Erinnerungen jüdischer und nichtjüdischer KZ-Häftlinge, von Sinti und Roma, von Zwangsarbeitern, die im Bergbau, der Industrie oder der Landwirtschaft arbeiten mussten, von italienischen Militärinternierten und von sowjetischen Kriegsgefangenen.
- „Die Sammlung eröffnet mit der Fülle des Materials unzählige Möglichkeiten, neue Erkenntnisse zu gewinnen – sie ist nicht nur für HistorikerInnen eine Fundgrube.“, so Frau Pickhan, Lehrstuhlinhaberin am Osteuropa Institut der Freien Universität.
Das Online-Archiv soll vor allem Wissenschaftlern zu unterschiedlichen Themenbereichen der NS-Zwangsarbeit Auskunft geben. Prof. Dr. Ursula Lehmkuhl, Erste Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin, erklärte dazu:
- „Gerade autobiographisches Material, das nicht nur in Textform vorliegt, besitzt ein großes didaktisches Potenzial und eröffnet für die junge Generation neue Wege des Verstehens. Nichts kann eine Epoche oder ein historisches Ereignis eindringlicher dokumentieren als eine persönliche Schilderung der erlebten Geschichte.“
Registrieren können sich derzeit Studierende, Forschende und Lehrende. Weiterführende Bildungsmaterialien wie biografische Kurzfilme oder Unterrichtsmaterialien sowie eine DVD werden im Herbst zum 70. Jahrestag des Kriegsbeginns vorliegen und der Öffentlichkeit vorgestellt.
Im Jahr 2007 wurde auch das Deutsche Historische Museum (DHM) als Kooperationspartner des Projektes gewonnen. Dort kann seit Donnerstag eine Multimedia-Station genutzt werden, die zwölf Interviews der Öffentlichkeit zugänglich macht. Die Berichte und Materialien sind Teil der Ständigen Ausstellung des DHM. Die ausgewählten Interviewpartner bilden die großen Opfergruppen unter den Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern ab: eine ukrainische „Ostarbeiterin“, eine polnische Zwangsarbeiterin, ein sowjetischer Kriegsgefangener, Sklavenarbeiter aus Konzentrationslagern und ein italienischer Militärinternierter berichten über unterschiedliche Einsatzbereiche in der Industrie, der Landarbeit, im Bergbau und im Privathaushalt. Die Interviews lassen sich zu übergeordneten Themen wie „Herkunft und Familie“, „Arbeit und Terror“, „Rückkehr und Emigration“ anwählen. Hintergrundinformationen erhält der Nutzer durch einführende Texte, Daten und Fakten zur Zwangsarbeit. Die Interviews wurden in deutscher Sprache untertitelt.
- „Seit der Wiedereröffnung der Ständigen Ausstellung im Juni 2006 haben die Themen Fremdarbeiter und Zwangsarbeiter während der NS-Diktatur einen gebührenden Platz gefunden. Durch die jetzt fertig gestellte Multimedia-Station mit Interviewsequenzen ehemaliger Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen können wir diese Thematik in der Ausstellung vertiefen. Gerade in der Möglichkeit, über die Erzählung von Geschichten der Betroffenen Zugang zur Erinnerungskultur und Geschichtsüberlieferung zu bekommen, liegt der besondere Stellenwert dieser didaktischen Ausstellungsstation.“, so Dr. Dieter Vorsteher, Stellvertreter des Präsidenten der Stiftung Deutsches Historisches Museum Berlin und Leiter der Sammlung des Deutschen Historischen Museums.
Unterstützt wird das Portal auch von Prof. Felix Kolmer, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees und Mitglied des Beirats des Projekts „Zwangsarbeit 1939–1945“.
- „Uns ehemaligen Zwangsarbeitern ist es wichtig, dass wir in diesem Zeitzeugenarchiv keine Unterscheidung oder gar Opferhierarchisierungen machen zwischen jüdischen und nichtjüdischen Opfern, zwischen polnischen, tschechischen, ukrainischen oder russischen und italienischen Zwangsarbeitern. Alle diese Zwangsarbeiter, die ja auch das Gesamtsystem der deutschen Zwangsarbeit repräsentieren, sind exemplarisch mit ihren Leidens- und Überlebensgeschichten vertreten und in ein gemeinsames Angedenken eingeschlossen.“
Auf der Pressekonferenz am Donnerstag, 22. Januar 2009 im DHM berichteten Günter Saathoff (Vorstand der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“), Ursula Lehmkuhl (Erste Vizepräsidentin der Freien Universität Berlin), Dieter Vorsteher (Stellvertreter des Präsidenten der Stiftung Deutsches Historisches Museum Berlin und Leiter der Sammlung des Deutschen Historischen Museums), Gertrud Pickhan (Projektleiterin, Lehrstuhlinhaberin des Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin) und Felix Kolmer (Zeitzeuge, Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Mitglied des Beirats des Projekts „Zwangsarbeit 1939–1945“) über das Online-Portal.
Für Fragen stand zudem die Zeitzeugin Helena Bohle-Szacki zur Verfügung. Frau Bohle-Szacki wurde 1928 als Tochter einer deutsch-polnisch-jüdischen Familie in Ostpolen geboren. Ab 1944 musste sie im KZ Ravensbrück Zwangsarbeit leisten. Sie überlebte den Todesmarsch 1945. Nach dem Krieg studierte sie in Polen (Łodz) Kunst, seit 1969 lebt sie in Berlin.
Contents
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Hintergrund und Fakten
NS-Zwangsarbeit
1939-1945 wurden über zwölf Millionen Menschen nach Deutschland zur Sklaven- und Zwangsarbeit deportiert. Sie arbeiteten in Konzentrationslagern, für Unternehmen, in der Landwirtschaft, in privaten Haushalten, für Kirchen und öffentliche Verwaltungen. Der Generalbevollmächtigte für den Arbeitseinsatz, Fritz Sauckel, wurde vom Nürnberger Kriegsverbrechertribunal zum Tode verurteilt und 1946 hingerichtet.
Auch als Reaktion darauf verbietet Artikel 4 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 Sklaverei und Sklavenhandel in allen ihren Formen. Im Ergebnis internationaler Verhandlungen und einer breiten gesellschaftlichen Debatte in Deutschland wurde 2000 die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ gegründet, die von 2001-2006 4,4 Milliarden Euro an über 1,66 Mio. Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter auszahlte.
Was enthält das Archiv?
590 Zeitzeuginnen und Zeitzeugen erzählen in 25 Sprachen ihre Lebensgeschichten in 398 Audio- und 192 Video-Interviews (2.000 Stunden, ca. 35.000 Seiten). Die Interviewten (341 Männer, 249 Frauen) erzählen in ihrer Muttersprache über ihr Leben, d.h., über ihre Jugend vor dem Krieg, Verfolgung und den Umgang mit ihren Verfolgungserfahrungen nach 1945. Einen Schwerpunkt bilden die Berichte ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Mittel- und Osteuropa. Die meisten Interviews fanden in der Ukraine (84), Polen (110) und Russland (70) statt. Etwa ein Drittel der Interviewten waren jüdische oder nichtjüdische „Sklavenarbeiter“ in Konzentrationslagern, dabei berichten 48 Roma über ihre Verfolgung. Zum Zeitpunkt der Interviews waren die Interviewten zwischen 65 und 98 Jahre alt.
Alle Interviews wurden archiviert, digitalisiert und transkribiert, d. h. sie liegen in der jeweiligen Sprache schriftlich vor. 150 Interviews wurden bereits ins Deutsche übersetzt. Kurzbiografien sowie ca. 5.500 Fotografien ergänzen die Interview-Sammlung.
Was ist das Ziel des Archivs?
Das Online-Archiv „Zwangsarbeit 1939–1945“ will dazu beitragen, die Erinnerung an über zwölf Millionen Menschen, die für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit geleistet haben, dauerhaft zu bewahren. Es will die Erfahrungen ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter der internationalen Forschung zugänglich machen und für die Bildungsarbeit aufbereiten.
Projektergebnisse und weitere Bearbeitungsschritte
- Januar 2009: Digitales Archiv – Online-Plattform
- Januar 2009: Multimedia-Station in der Ständigen Ausstellung des Deutschen Historischen Museums
- Herbst 2009: Biographische Kurzfilme und Einführungsfilme zur Geschichte der Zwangsarbeit und lebensgeschichtlichen Erinnerungen auf DVD für den Unterricht
- 2010-2011: Weitere thematische Erschließung der Interviews (Verschlagwortung)
Wie kann das digitale Archiv genutzt werden?
Zugang zum Portal können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Pädagogen, Journalisten und sonstige Interessierte erhalten. Dabei ist folgendes zu beachten:
- Der Zugang erfolgt grundsätzlich nur nach Registrierung und Zustimmung zu den Nutzungsbedingungen. Dies ist notwendig, weil das Material nur für Bildung und Wissenschaft genutzt werden darf und die Persönlichkeitsrechte der Interviewten und die Urheberrechte der Interviewer zu schützen sind. Die Registrierung kann online erfolgen. Nach Prüfung der gemachten Angaben erhält der Nutzer ein Passwort. Das geschieht zeitnah, kann allerdings bei vielen Anfragen auch 1-2 Arbeitstage dauern.
- Das Material ist bisher vor allem für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Pädagogen und andere Experten aufbereitet. Für die breite interessierte Öffentlichkeit, wie auch für Schülerinnen und Schüler, wird das Material noch erschlossen. Sobald das geschehen ist, wird die Öffentlichkeit darüber informiert.
Entstehung der Interviews
Die Interviews wurden aus Anlass des 60. Jahrestages des Endes des Zweiten Weltkrieges 2005/2006 unter Federführung des Instituts für Geschichte und Biographie der Fernuniversität Hagen (wissenschaftliche Leitung: Professor Alexander von Plato) in 26 Ländern von 32 wissenschaftlichen Teams aus diesen Ländern durchgeführt. Eine Beschreibung des Projekts und eine erste wissenschaftliche Auswertung gibt der Band:
- „Hitlers Sklaven, Lebensgeschichtliche Analysen zur Zwangsarbeit im internationalen Vergleich“, Alexander von Plato, Almut Leh, Christoph Thonfeld (Hg.), Wien 2008, 500 S.
Förderung
Bisher hat die Stiftung EVZ für die Durchführung der Interviews sowie für die Erschließung, Archivierung, Digitalisierung, Erstellung der Webplattform, Multimedia-Station 2,5 Mio. Euro zur Verfügung gestellt.
Partner
Das Projekt „Zwangsarbeit 1939-1945“ ist eine Kooperation der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ mit der Freien Universität Berlin und dem Deutschen Historischen Museum.
Besonderheit des Archivs
Es ist die größte internationale Sammlung von Interviews mit ehemaligen Sklaven- und Zwangsarbeitern. In den Interviews erzählen sie nicht nur von ihrer Verfolgung, sondern berichten über ihr gesamtes Leben. Für Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter aus Polen, der ehemaligen Tschechoslowakei und der ehemaligen Sowjetunion („Ostarbeiter“) war es die erste große lebensgeschichtliche Befragung. Im Unterschied zu anderen Sammlungen sind alle Interviews verschriftlicht und online zugänglich.
Netmarks
- Projekt-Flyer (Januar 2009; PDF-Datei)
Quellen
- Pressemitteilung der Stiftung "Erinnerung, Verantwortung und Zukunft" vom 22. Januar 2009.
- Pressemitteilung der Freien Universität Berlin, Center für Digitale Systeme (CeDiS), vom 22. Januar 2009.
- Hintergrund und Fakten zum Online-Archiv "Zwangsarbeit 1939–1945“
Netmarks
Siehe auch
-
Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik
Amazon_node – 03. Juni 2007
-
Wer bestimmt, was wir erinnern?
Blogeintrag – 16. März 2008
-
Presse- und auch Internetarchive sichern Erinnerung und machen Vergangenes zugänglich. Dürfen sie verändert werden?
Umfrage – 14. März 2008
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