Internationaler Tag der Verschwunden: Mindestens 20 Journalisten weltweit vermisst

Reporter ohne Grenzen (ROG) erinnert am Internationalen Tag der Verschwundenen an Journalisten, die weltweit vermisst werden. In den vergangenen zehn Jahren sind mindestens 20 Berichterstatter verschwunden. Mexiko zählt zu den gefährlichsten Gebieten. Seit 2003 sind dort acht Journalisten verschwunden. Auch in der Elfenbeinküste, Kasachstan oder Russland werden Reporter vermisst.

"Verschwinden lassen" steht vor allem mit Korruption und organisiertem Verbrechen in Zusammenhang. "Besonders gefährdet sind investigative Journalisten, die über Machtmissbrauch oder Drogenhandel berichten und so Lokalpolitikern und Drogenbossen ein Dorn im Auge sind. "Verschwinden lassen" ist eine grausame Methode, um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen", sagt Elke Schäfter, Geschäftsführerin von Reporter ohne Grenzen Deutschland.

In vielen Fällen muss man vom Tod der Verschwundenen ausgehen. Doch selten werden die Opfer gefunden und die Täter bestraft. "Ermittlungen verlaufen häufig im Sande oder werden schlampig geführt. Was bleibt ist die Ungewissheit für Kollegen, Freunde und Familien. Zwischen Hoffnung und Verzweiflung warten sie oft Jahre lang auf Nachrichten der Vermissten", erklärt Elke Schäfter weiter.


Mexiko ist weltweit das Land mit der größten Zahl betroffener Journalisten. Seit 2003 werden mindestens acht Reporter vermisst. Kein Fall ist bisher aufgeklärt worden. Maricio Estrada Zamora berichtete über organisiertes Verbrechen für die regionale Tageszeitung "La Opinión de Apatzingán" im Bundesstaat Michoacán. Seit dem 12. Februar 2008 wird er vermisst. Wenige Wochen zuvor hatte Zamora einen Artikel über einen Bundesermittler mit dem Spitznamen "El Diablo" (der Teufel) veröffentlicht, der zum Streit führte. Die Zeitung "La Opinión de Apatzingán" vermutet daher "El Diablo" hinter der Entführung. In dem Fall wird noch ermittelt.

Alfredo Jiménez Mota von der Tageszeitung "El Imparcial" verschwand am 2. April 2005. Er hatte sich auf Drogenhandel spezialisiert. Zuvor wurde er vom lokalen Polizeichef, Reynaldo Zamora, bedroht, nachdem er ihm Verbindungen zum Drogenhandel nachgesagt hatte. Jiménez Motas Mutter zufolge fühlte sich ihr Sohn in den Tagen vor seinem Verschwinden verfolgt. Der zuständige Staatsanwalt Abel Murrieta Gutiérrez zog eine Verbindung zu Jimenéz Motas journalistischer Tätigkeit. Auf Anweisung des Präsidenten Vincente Fox übernahmen Bundesermittler den Fall. Die Nationale Kommission für Menschenrechte kritisierte die Ermittlungen jedoch als unzureichend.

Oralgaischa Omarschanowa, eine investigative Journalistin der Wochenzeitung "Zakon i Pravosudiye" (Gesetzt und Gerechtigkeit), wurde zuletzt am 30. März 2007 in Almaty, Kasachstan, gesehen. Als Redakteurin für Korruptionsfälle hatte sie sich viele Feinde gemacht. Vor ihrem Verschwinden erhielt sie telefonisch mehrere Todesdrohungen. Sie hatte über gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen Tschetschenen und Kasachen in der Nähe von Almaty berichtet. Ihr Artikel benannte die Initiatoren der Unruhen und erwähnte auch deren Verbindungen zur Regierung und lokalen Geschäftsleuten. Laut dem ermittelnden Beamten des Innenministeriums, Lt. Col. Baltabek Kuanjischew, hat das Verschwinden Omarschanowa nichts mit ihrer journalistischen Arbeit zu tun. Am 10. September 2007 sagte er bei einer Pressekonferenz, er gehe von einem kriminellen Hintergrund aus. Eine Begründung blieb er schuldig.

Auch in Russland verschwinden Journalisten. Seit Ende Juni 2004 wird Maxim Maximow, investigativer Journalist des wöchentlich erscheinenden Magazins "Gorod", vermisst. Man geht davon aus, dass er ermordet wurde. Seine Leiche ist jedoch nie gefunden worden. 2005 verdächtigten die ermittelnden Beamten drei hochrangige Polizisten. Maximow stand kurz vor einer Veröffentlichung über illegale Machenschaften des Vorsitzenden der St. Petersburger Antikorruptionseinheit, Lt. Col. Mikhail Smirnow, und zwei weiterer Polizisten, Lew Piatow und Andrej Boschurow. Die Ermittlungen wurden jedoch eingestellt, obwohl es belastende Zeugenaussagen gab. Ohne Leiche könnten sie nicht wegen Mordes ermitteln, sagten Beamte der Mutter Maximows.

Guy-André Kieffer, Franko-Kandier und freiberuflicher Journalist, berichtete für lokale und französische Medien über die Elfenbeinküste. Er verschwand am 16. April 2004 aus dem Parkhaus eines Einkaufszentrums in Abidjan. Kieffer recherchierte über Veruntreuung von Geldern im Kaffeehandel und in der Kakaoproduktion. Die Ermittler gehen davon aus, dass Männer aus dem engeren Kreis des Präsidenten, Laurent Gbagbo, in die Entführung und möglicherweise Ermordung verwickelt sind. Im Juli 2008 meldete ROG, dass Simone Gbagbo, die Ehefrau des Präsidenten, und der ehemalige Wirtschaftsminister der Elfenbeinküste, Paul-Antione Bohoun Bouabré, einer Vorladung der zuständigen Richter nicht nach kamen. Beide gelten als mögliche Drahtzieher des Verbrechens.

Der internationale Tag der Verschwundenen geht zurück auf eine Initiative eines Verbandes von Verwandten Inhaftierter und Verschwundener in Lateinamerika "FEDEFAM". Weltweit sind über 41.000 offene Fälle bei der UN Arbeitsgruppe für erzwungenes und unfreiwilliges Verschwinden registriert.

Quelle

  • Pressemitteilung von Reporter ohne Grenzen (ROG) vom 30. August 2008.

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