Die Digitale Bibliothek macht Ernst mit Open Access und stellt massenhaft Nachschlagewerke im Volltext online

Zenodot, ein Ableger des Berliner Verlags Directmedia Publishing macht Ernst mit Open Access und stellt zahlreiche einschlägige Nachschlagewerke im Volltext online. Einfach so. Zwar kostenlos, aber werbefinanziert. Zumindest teilweise werbefinanziert, denn man fragt sich schon, ob das Geschäftsmodell allein die laufenden Betriebskosten decken kann.

Allerdings gilt noch immer die eherne Regel: content is king. Und solchen Content haben Zenodot und Directmedia in den vergangenen Jahren geradezu im Überfluss angehäuft. So viel, dass man jetzt - nach der spektakulären und unvergessenen Stiftung von 10.000 Meisterwerken der Malerei für die Wikimedia Commons offensichtlich noch mehr wertvollen Content freigeben kann.

Zu wünschen wäre Zeno.org der finanzielle Erfolg in jedem Fall - zum einen stellt das Projekt schon an sich eine enorme Bereicherung des immer mehr durch Habgier vergifteten Internet dar; zum anderen scheint hinter Zeno.org auch eine immense Konzeptions- und Umsetzungsarbeit zu stecken. Solche Arbeit verdient Meriten, und die verdient sie erst recht, wenn sie dann auch noch gut gemacht ist. Und gut gemacht ist Zeno.org ohne jeden Zweifel. So gut, dass man aus dem Staunen kaum noch herauskommt.

Benutzerschnittstelle

Was Zenodot auf Anhieb richtig gemacht hat, fängt bei der Benutzerschnittstelle an: Die aufgeräumte Startseite ist offensichtlich von Google "inspiriert" und präsentiert sich in extremster Weise minimalistisch: Es gibt eine Handvoll Links auf Funktionen und Subsites (Bibliothek, Bilder, Kategorien, Zufälliger Artikel, Erweiterte Suche, Wiki, Blog), eine simple Suchmaske und die obligatorischen Verweise auf Impressum, Nutzungsbedingungen usw. - das ist alles. Wie bei Google kann man hier allenfalls ahnen, was sich hinter diesem Primitiv-UI verbirgt; und genau wie bei Google fördert eine einfache Suchanfrage bereits eine Fülle an relevantem Material zutage.

An diesem Punkt könnte man sich die Benutzerschnittstellen anderer deutscher Digitalisierungsprojekte in Erinnerung rufen: Entweder es werden Kamikaze-Browser à la Internet Explorer erzwungen, um das Angebot überhaupt aufrufen zu können, oder man ersäuft nach wenigen Mausklicks in einer exzessiv überladenen Icon- und Menüleisten. Oder die Textvorlagen wurden gar nicht erst vollständig recherchierbar gemacht, da nur die Digitalisate abrufbar sind, nicht jedoch die recherchierbaren Volltexte. Andere Digitalisierungsprojekte verlieren sich in den feuchten Traumwelten leidenschaftlicher Missionare, pardon: Bibliothekare, und klassifizieren die Wissensmengen bis zum Gehtnichtmehr. Natürlich wiederum ohne recherchierbare Volltexte und mit unbekanntem Finalisierungsdatum der aufwändigen klassifikatorischen Bemühungen, die sich meist über Jahre hinziehen.

Auch diese - meist aus öffentlichen Mitteln geförderten - Projekte erschließen bedeutende Werke für breite Publikumsschichten und stellen Informationsressourcen bereit, die man bereits nach kurzer Zeit nicht mehr missen möchte. Meist werden diese Digitalisierungsprojekte langfritig von erfahrenen Bibliothekaren geplant und mit akribischer Sorgfalt umgesetzt; diese Vorgehensweise ist ausgesprochen seriös und in der betriebenen Gründlichkeit urdeutsch - und vermutlich dementsprechend kostspielig.

Man wundert sich daher, wie es passieren kann, dass ein allenfalls mittelständischer Verlag scheinbar einfach die Ärmel hochkrempfelt und quasi über Nacht Fakten schafft, wo sich andernorts - vielleicht etwas übertrieben - Generationen von Gelehrten mit vergleichsweise bescheidenem Ergebnis die gescheiten Köpfe zerbrechen. Jedenfalls erweist sich die Benutzerschnittstelle von Zeno.org als nicht weniger funktional und weitaus benutzerfreundlicher als die der gelehrten Kollegen. Vielleicht liegt das daran, das bei Zenodot nicht nur gescheite Leute, sondern auch ganz banale Anwender sitzen, die ihre eigenen Produkte selbst nutzen. Leute also, die ihr eigenes Hundefutter fressen, wie der pragmatische Angloamerikaner vielleicht sagen würde.

Inhalte

Schaut man sich an, was Zenodot da anbietet, nimmt sich die als "Testdaten" bezeichnete Auswahl vergleichsweise Bescheiden aus; ein paar hunderttausend Textseiten und ein paar zehntausend Bilder sind vorhanden. Das klingt ziemlich läppisch, da allein die englischsprachige Wikipedia ein Vielfaches dieser Bild- und Textemenge umfasst, von strategischen und groß angelegten Digitalisierungsprojekten à la Google Buchsuche (ebenfalls beta). Verlässt man die rein quantitative Betrachtung, findet man bei Zeno.orgeine etwas konfus wirkende, aber feine Textauswahl. Fein insofern, als dass Zeno.org - zumindest momentan - komplette Volltexte anbietet, während man bei Google ständig über fragmentarische Digitalisate stolpert.

Der Volltext ist bei Google zwar anscheinend erfasst - man kann ja in ihm recherchieren -, der Benutzer kann die Digitalisate (und damit die Quellen) allerdings nur ausschnittsweise abrufen; ständig wird der Hinweis eingeblendet, dass es sich um urheberrechtlich oder sonstwie geschütztes Material handelt, das man sich doch bitte anderweitig beschaffen möge.

Ähnlich treibt es auch ein renommierter wissenschaflicher Fachverlag, der die Suchmaschinen anscheinend mit Verweisen auf digitalisiertes Material bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts gefüttert hat; man findet zwar den Verweis, kann jedoch den Volltext nicht abrufen - man möge sich das amerikanische Journal aus dem Jahre 1921 bitte anderswo - oder irgendwie kostenpflichtig - beschaffen. Open Access meint wohl etwas anderes.

Natürlich ist man auch jenem Fachverlag bereits für den Nachweis obskurer Zeitschriftenbeiträge von anno dunnemals dankbar, aber Zeno.org geht darüber einfach zwei Schritte hinaus: Die Volltexte sind im Volltext recherchierbar (und - zumindest rudimentär - verschlagwortet), und sie sind im Volltext abrufbar. Und zwar, zumindest soweit ich das stichprobenartig sehen konnte, ohne Lücken.

Was findet man derzeit bei Zeno.org? Ein bundes Sammelsurium an Nachschlagewerken und literarisch-wissenschaflichen Textsammlungen, nämlich derzeit:

Allgemeine Lexika

  • Conversations-Lexikon oder kurzgefaßtes Handwörterbuch. 8 Bände. 1. Auflage 1809-1811 [Brockhaus-1809]
  • Damen Conversations Lexikon. 10 Bände. 1834-1838 [DamenConvLex-1834]
  • Bilder-Conversations-Lexikon für das deutsche Volk. 4 Bände. 1. Auflage 1837-1841 [Brockhaus-1837]
  • Herders Conversations-Lexikon. 5 Bände. 1. Auflage 1854-1857 [Herder-1854]
  • Pierer's Universal-Lexikon. 19 Bände. 4. Auflage 1857-1865 [Pierer-1857]
  • Brockhaus' Kleines Konversations-Lexikon. 2 Bände. 5. Auflage 1911 [Brockhaus-1911]

Philosophie

  • Rudolf Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. 1904 [Eisler-1904]
  • Rudolf Eisler: Philosophen-Lexikon. 1912 [Eisler-1912]
  • Friedrich Kirchner, Carl Michaëlis: Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe. 1907 [Kirchner-Michaelis-1907]
  • Fritz Mauthner: Wörterbuch der Philosophie. 1923 [Mauthner-1923]
  • Textsammlung zur Philosophie: Feuerbach, Hegel, Heine, Lange, Schelling, Vorländer, Windelband.

Geschichte

  • Textsammlung zur Geschichte: Burckhardt, Droysen, Graetz, Meyer, Mommsen, Pöhlmann.

Mythologie

  • Benjamin Hederich: Gründliches mythologisches Lexikon. 1770 [Hederich-1770].
  • Wilhelm Vollmer: Wörterbuch der Mythologie. 1874 [Vollmer-1874].

Soziologie

  • Textsammlung zur Soziologie: Weber.

Kulturgeschichte

  • Sulzer-1771: Sulzer 1771
  • Rudolf Schmidt: Deutsche Buchhändler. Deutsche Buchdrucker. 1902-1908 [Schmidt-1902]
  • Kunstwerke: 40.000 Gemälde, Zeichnungen und Grafiken
  • Textsammlung zur Kulturgeschichte: Friedländer

Literatur

  • Kafka-Werke: Franz Kafka: Werke.

Ich spare mir hier die müßige Erbesenzählerei, was diese Werke als Reprints, antiquarisch oder digitalisiert als Digitale Bibliothek-CD-ROMs kosten würden - es kämen etliche hundert Euro zusammen. Natürlich fehlen auch - ausser dem grandiosen Pierer - die großen Nachschlagewerke der Jahrhundertwende, von denen einige bereits in der Digitalen Bibliothek verfügbar sind. Auch ein Verlag muß von etwas leben und kann wohl - leider - nicht alles verschenken, oder sich - wie die Wikimedia Projekte - von der Spendenwilligkeit bzw. -fähigkeit der Community abhängig machen.

Viel wichtiger erscheint mir, dass man bei Zeno.org gerade trotz des noch vergleichsweise bescheidenen Datenbestands bereits substantielle Informationen zu Tage fördern kann. So etwas ist nur möglich, wenn man sowohl Willens ist, Volltexte tatsächlich anzubieten als auch fähig ist, diese zu erschließen. Zeno.org punktet in beiden Bereichen.

Bereits einfache kulturwissenschaftliche Suchbegriffe liefern eine Fülle an Ergebnissen - derzeit meist in der Größenordnung von einigen Dutzend bis Hundert Seiten. Die Suchergebnisse werden in ähnlicher Gestaltung wie bei Google aufgelistet, zusätzlich kann man anschließend die Suche verfeinern, das heisst: auf bestimmte Bände einschränken. Neben der einfachen Suchmaske steht noch eine Erweiterte Suchmaske zur Verfügung. Im Vergleich zu den Recherchewerkzeugen der bereits oben erwähnten bibliothekatischen Digitalisierungsprojekte wirkt auch diese Suchmaske vergleichsweise bescheiden, dafür versteht man sie, ohne erst ein Online-Handbuch konsultieren zu müssen. Und sie liefert zielstrebig die gesuchten Ergebnisse. Was will man mehr?

In Zweifelsfällen will man vielleicht die Originalseiten sehen, die noch nicht durch die Algorithmen einer OCR-Software verwurstet wurden. Zeno.org erfüllt auch diesen Wunsch: Am Fuß der jeweiligen Seite finden sich ein paar bescheidene Hyperlinks, beginnend mit dem magischen Wort "Faksimiles". Dahinter verbergen sich schlicht und ergreifend die gescannten Digitalisate der Originalseiten. Einfach so. Die Original-Paginierung ist auch innerhalb der digitalisierten Texte erkenntlich gemacht durch Hyperlinks wie "[157]". Ebenfalls ganz einfach und ganz ohne undurchschaubare Navigationssysteme. Ein kleiner Quellennachweis einschließlich Permalink findet sich natürlich auch am Fuß jeder Seite; sollte Zeno.org einmal als zitierfähig akzeptierte werden, sollte dieser Hinweis auch wissenschaflichen Ansprüchen genügen. Was will man mehr?

Besonders anspruchsvolle Naturen wollen die größtenteils gemeinfreien Inhalte vielleicht weiternutzen und fragen sich jetzt sicherlich, ob das alles mit rechten Dingen - im Sinne von rechtmäßig - zugehen kann. Kann es, zumindest höchstwahrscheinlich, wie ein Klick auf den charmanten Link Lizenz: Gemeinfrei zeigt. Und vor dem Weiterlesen bitte hinsetzen und tief durchatmen:

"Dieses Werk ist nach unserer Meinung frei von Rechten Dritter. Vor einer weiteren Verwertung ist unbedingt zu überprüfen, ob diese Auffassung haltbar ist, da Zenodot jegliche Haftung ablehnt und ausdrücklich nicht von möglichen Ansprüchen Dritter freistellt. Für den Fall einer Bestätigung unserer Auffassung gilt:
Dieser Inhalt darf als Einzelwerk oder Werkbestandteil - auch zu kommerziellen und gewerblichen Zwecken - kopiert, verbreitet, öffentlich wiedergegeben und Dritten zugänglich gemacht werden. Bei jeder Verwertung ist jedoch ein Hinweis auf die Herkunft der Inhalte in folgender Form anzubringen: Quelle: http://www.zeno.org - Zenodot Verlagsgesellschaft mbH. Copyright-Vermerke, Marken oder andere Rechtsvorbehalte Dritter dürfen nicht entfernt werden".

Die einzige - und durchaus faire Einschränkung:

"Die Übernahme der Gesamtheit der verfügbaren Inhalte wie auch von wesentlichen Teilen in eine andere Datenbank ist nicht gestattet".

Trittbrettfahrer will man nicht durchfüttern - verständlich, denn trotz aller Freigierbiegkeit ist Zenodot letzlich ein gewinnorientiertes Wirtschaftsunternehmen und kein "Verein zur Förderung freien Wissens", wenngleich der advocatus diabolo die schelmische Frage stellen könnte, wer hier eigentlich mehr zur Förderung freien Wissens tut ("frei" hier im Sinne von "Freibier").

Vergleicht man die Nutzungsbedingungen von Zeno.org mit den stellenweise übelkeitserrgendenden Versuchen anderer Digitalisierungsprojekte (die hiermit letztmalig gescholten werden sollen), längst gemeinfreie Werke wieder zu reprivatisieren, wird man mit den moderaten Einschränkungen gut leben können. Wer ganze Datenbanken von Zenodot kommerziell weiterverwenden will, wird sich sicherlich mit dem Berliner Unternehmen über Lizenzierungsfragen einig werden.

Fazit

Zeno.org bietet einen bescheidene Ahnung, wie eine digitale Bibliothek von Babel aussehen könnte - womit nicht das endlose und undurchsichtige Wissenslabyrinth, sondern schlichtweg eine umfassende digitale und im Volltext recherchierbare Bibliothek gemeint sein soll. Eine solche universal-werden-wollende Bibliothek war bisher lediglich für Spitzenverdiener in Form der gesammelten Produktpalette der Directmedia Publishing erscwhinglich und wird nun - derzeit noch in kleinen "Appetithäppchen" - einem breiten Publikum zugänglich gemacht.

Wenngleich die Inhalte von Zeno.org bisher zwar schon gute Rechercheergebnisse liefern, können sie quantitaitiv noch nicht mit strategischen Digitalisierungsprojekten à la Google Book Search konkurrieren. Verblüffund hinterlässt dagegen die geradezu abgeklärte Benutzerschnittstelle. Der Benutzer sitzt kopfschüttelnd am PC und fragt sich, warum all die staatlich geförderten Langzeit-Digitalisierungsprojekte bisher nicht in der Lage waren, eine auch nur annähend vergleichbare funktionale und elegante Benutzerschnittstelle zu programmieren (bzw. programmieren zu lassen). Selbst die vermeintlich "führenden" Unternehmen aus dem Bereich der universellen Nachschlagewerke waren zu einer vergleichbaren Eigenleistung bisher nicht fähig. Offensichtlich tut es Not, dass ein mittelständischer Verlag aus der deutschen Hauptstadt daherkommt, die Ärmel hochkrempelt und die Pobacken zusammenkneift - und dann zeigt, wie man es richtig macht.

Milliardenunternehmen wie Google reden gerne über ihr angebliches Unternehmensmotto "do no evil", Zenodot redet nicht groß darüber, sondern "macht" einfach: Ein Projekt, das umfassende Wissensbestände zu ausgesprochen fairen Konditionen publiziert - seitenweise "Kleingedrucktes" ist mir jedenfalls auch nach längerer Stöberei nicht aufgefallen. Da verbleibt nur die Frage, womit die Welt eigentlich diese ungewohnten Wohltaten eines gewinnorientierten Unternehmens verdient hat. Und der Hinweis auf die Schrankenregelungen des Urheberrechts, das Obszönitäten wie eine Geltungsdauer "forever plus one day" wirkungsvoll unterbindet - zumindest bisher. Ohne diese Schrankenregelungen wären Unternehmungen wie die von Zeno.org wohl kaum möglich - es sei denn, der Betreiber ist Philantrop, heisst Mark Shuttleworth und war schon einmal im Weltall...

Zeno.org scheint - im Gegensatz zu gewissen wohltätigen Linux-Distributionen - weitaus bodenständiger angelegt zu sein. Man sucht und akzeptiert Werbung, die hier vornehm Sponsoring genannt wird. Zenodot plant also offensichtlich nicht, die eigenen Digitalisate einfach so zu verschleudern. Man bewegt sich auf einem Terrain, das der Gigant BIFAB zu beackern begonnen hat: Das Verbreiten von Content gegen Adwords-Werbung. Nur sind die Inhalte von Zeno.org bereits jetzt umfassender, besser aufbereitet und irgendwie sympatischer.

Netmarks